Viel mehr als einen Höflichkeitsbesuch werden die zwanzig Minuten wohl nicht hergeben, die Jutta Urpilainen und Ursula von der Leyen am Dienstag in Brüssel miteinander verbringen. Anstatt um politische Leitlinien dürfte es erwartungsgemäß eher um ein erstes Kennenlernen, ein Abtasten gehen. Immerhin erfüllt die Sozialdemokratin aus dem EU-Vorsitzland, 2011 bis 2014 war sie Finnlands Finanzministerin, aber schon einmal die erste Vorgabe der ersten Frau an der Spitze der EU-Kommission: Sie ist eine Frau.

Jutta Urpilainen (links) 2014 in einer Diskussion mit dem Niederländer Jeroen Dijsselbloem.
Foto: AP Photo/Geert Vanden Wijngaert

"Wenn die Mitgliedstaaten nicht genügend weibliche Kommissare vorschlagen, werde ich nicht zögern, sie um neue Namen zu bitten", erklärte von der Leyen bei ihrer Antrittsrede im Plenum des Straßburger Parlaments Mitte Juli. Nach der Finnin, die – ebenso wie Österreichs EU-Kommissar Johannes Hahn (ÖVP) durch das Übergangskabinett Brigitte Bierleins – von der neuen sozialdemokratischen Regierung in Helsinki als einzige Kandidatin vorgeschlagen worden ist, geben sich in dieser Woche noch die Aspiranten aus Malta, Zypern und den baltischen Staaten bei von der Leyen ein Stelldichein.

Nur ein Drittel Frauen bisher

Insgesamt 16 der 27 (ohne Großbritannien) EU-Staaten haben bereits Kandidaten nominiert, sieben davon Frauen, neben Finnland nämlich auch Dänemark, Tschechien, Bulgarien, Estland, Malta und Zypern. Die Dänin Margrethe Vestager ist als bisherige Wettbewerbskommissarin wohl ebenso gesetzt wie Věra Jourová (Justiz) aus Tschechien und Marija Gabriel (Digitales) aus Bulgarien. Weil die bisherige deutsche Verteidigungsministerin von der Leyen auch mit diesen bisher aber kaum Berührungspunkte aufweist, dürfte sie auch den prominenten Frauen auf den Zahn fühlen wollen.

Margaritis Schinas leitete bisher Pressekonferenzen, künftig könnte er selbst im Rampenlicht stehen.
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Und auch in der Männerriege findet sich das eine oder andere bekannte Gesicht. Margaritis Schinas etwa, der pointierte Chefsprecher des scheidenden Präsidenten Jean-Claude Juncker. Die neue konservative Regierung in Athen nominierte ihn anstelle des bisherigen Migrationskommissars Dimitris Avramopoulos, würde den intimen Kenner der Brüsseler Bürokratie dem Vernehmen nach aber lieber in einem der Wirtschaftsressorts unterbringen. Bekannt wurde der 57-Jährige im Zuge der Brexit-Verhandlungen, als er London per Spice-Girls-Zitat zur Räson rief: "We expect the British government to say what they want, what they really really want."

Alte und neue Gesichter

Bleiben dürften, wenn auch teils in anderer Funktion, neben Hahn und den weiblichen Kommissarinnen auch der Niederländer Frans Timmermans, der Lette Valdis Dombrovskis, Vizepräsident Maroš Šefčovič aus der Slowakei und der Ire Paul Hogan, der Handelskommissar werden könnte. Mit László Trócsányi, einem EU-kritischen Ungarn, der liberalen Estin Kadri Simson und dem Neo-Abgeordneten Nicolas Schmitt aus Luxemburg und dem wahrscheinlichen nächsten Außenbeauftragten Josep Borrell aus Spanien gilt ein weiteres Quartett als gesetzt.

Ursula von der Leyen steht viel Zuhören ins Haus.
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Auch wenn die eigentlich entscheidende Runde der Gespräche frühestens Ende des Monats über die Brüsseler Bühne gehen dürfte: Für Ursula von der Leyen, bisher in Sachen EU-Politik ein kaum beschriebenes Blatt, geht es gleich zu Beginn um viel.

Sie muss sowohl die Begehrlichkeiten der Mitgliedsländer als auch den geografischen Proporz austarieren – und obendrein möglichst viele ihrer eigenen Ansagen auch umsetzen. Schließlich hat sich von der Leyen in ihrer Antrittsrede kein kleines Ziel gesetzt: "Mein politisches Ziel ist, einen neuen Ausgleich in der EU zwischen Ost und West, Süd und Nord, kleineren und größeren, älteren und jüngeren Staaten zu schaffen."

Der Weg ist noch weit

Ob ihr das gelingt, hängt aber auch von den Fachausschüssen des Parlaments ab, wo sich die Kandidaten im Oktober weiteren Hearings zu stellen haben. Und schließlich müssen die Abgeordneten zu guter Letzt noch die Kommission als Ganzes bestätigen.

Der Weg nach Brüssel ist also noch weit. Dass die künftige Kommissionspräsidentin aber keineswegs nur die Empfängerin dessen ist, was die Hauptstädte ihr zu geben wünschen, beweist jedenfalls ein Präzedenzfall aus dem Jahr 2014. Gleich sechs Kandidaten, so erzählte Juncker später in einem Interview, sollen damals abgelehnt worden sein. (Florian Niederndorfer, 6.8.2019)