Saudische Frauen reisen künftig auch ohne explizite Erlaubnis eines Mannes, zumindest theoretisch.

Foto: Reuters / Hamad I Mohammed

In den sozialen Medien in und außerhalb Saudi-Arabiens wird die neue Reisefreiheit für die Frauen im Königreich mit viel Sarkasmus illustriert und kommentiert: Karikaturen oder Sketches zeigen schwarzgewandete Gestalten, die in Windeseile ihre Koffer schnappen und in alle Richtungen losrennen. Nichts wie weg!

Nun müssten ja die Frauen, wenn es nach den Aussagen des Champions der Modernisierung, Kronprinz Mohammed bin Salman, geht, auch die schwarze, alles verhüllende Abaya, geschweige denn den Gesichtsschleier, nicht mehr tragen: Aber die soziale Realität ist eben wieder eine andere. Für die meisten saudi-arabischen Frauen ist die große Befreiung vom Willen ihrer Männer wohl noch nicht angebrochen.

In den sozialen Medien wird die neue Reisefreiheit in Saudi-Arabien mitunter sarkastisch kommentiert.

Was für Frauen anderswo selbstverständlich ist, ist für jene in Saudi-Arabien dennoch bedeutsam – und ein heftiger Schlag gegen das System der Vormundschaft, die Frauen rechtlich zu Minderjährigen degradiert. Frauen brauchen nun keine Einwilligung eines männlichen Verwandten mehr – in den meisten Fällen Vater, Ehemann oder Bruder –, um eine Reise anzutreten. Oder besser gesagt: Zumindest der bürokratische Akt ist gestrichen. Außerdem können sie in Zukunft Dokumente beantragen und Veränderungen ihres Personenstands amtlich anzeigen.

In der Wirtschaft gebraucht

Die Erweiterungen der Rechte von Frauen über ihre eigene Person ist seit einiger Zeit im Gange und noch lange nicht abgeschlossen. Aber die Entwicklungen zeigen, dass jene Kräfte, die Saudi-Arabien ein modernes Image verpassen wollen, sehr gut verstanden haben, dass mit einer Normalisierung des Status der Frauen alles steht und fällt, zumindest in den Augen der Außenwelt. Außerdem braucht Saudi-Arabien seine Frauen in der Wirtschaft, soll diese auf eine neue Basis neben den Öleinkünften gestellt werden, wie es der Plan des Kronprinzen, die "Vision 2030", vorsieht.

Viele der Verbesserungen für Frauen haben einen starken wirtschaftlichen Aspekt, auch jene, die die meisten Schlagzeilen gemacht hat: die Erlaubnis, einen Führerschein zu erwerben, übrigens auch das ohne männliche Erlaubnis. Denn wie soll frau sonst ihren zukünftigen Arbeitsplatz erreichen, ohne dass die Wirtschaft noch mehr von ausländischer Arbeitskraft, den importierten billigen Chauffeuren, abhängig wird.

In die Liste gehört auch das Gesetz gegen sexuelle Belästigung, das es seit dem Vorjahr gibt: Es legitimiert auf einem Umweg, dass Frauen in Zukunft vermehrt mit Männern, mit denen sie nicht verwandt sind, arbeiten werden. Auch dafür wurden restriktive Regeln abgemildert. In der jüngsten Reformtranche wird den Frauen sogar ein Recht auf Arbeit eingeräumt.

Viele andere Bereiche bleiben unberührt, die männliche Vormundschaft wird also nicht abgeschafft. Aber es darf nicht verwundern – und gehört zu den Dingen, die Kritikern des saudischen Systems als unverständlich erscheinen –, dass die Hoffnung vieler Frauen auf dem Kronprinzen ruht. Ebenfalls auf Social Media kursiert dieser Tage ein Foto, auf dem eine Frau – in einer moderneren Abaya-Version gekleidet – versucht, ein riesiges Bild Mohammed bin Salmans zu umarmen.

Besagtes Bild: Eine Frau versucht, ein riesiges Bild Mohammed bin Salmans zu umarmen.

MbS, wie er meist genannt wird, ist gleichzeitig zum großen Imageproblem geworden: Die internationale öffentliche Meinung hält daran fest, dass er im Oktober 2018 den Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul ermorden ließ.

Aktivistinnen im Gefängnis

Aber das ist nicht alles: Die Lockerung für die Frauen kann nicht vergessen machen, dass jene Aktivistinnen, die jahrelang für mehr Rechte gekämpft haben, im Gefängnis sitzen. Modernisierung geht in Saudi-Arabien nicht mit Demokratisierung oder politischen Öffnung einher. Nie sind mehr Systemkritiker im Gefängnis gesessen als derzeit.

Da mutet es fast ironisch an, wenn Saudi-Arabien sich nun auch einen "Ruf als arabische Medienhauptstadt" erarbeiten will und für den November eine große Medienkonferenz plant, bei der auch ein Journalistenpreis vergeben werden soll. Auf dem Index von "Reporter ohne Grenzen" hat sich Saudi-Arabien 2018 um weitere drei Ränge verschlechtert und liegt auf Platz 172.

Viele Frauen setzen dennoch auf MbS als ihre einzige Hoffnung. Aber es wäre verfehlt, anzunehmen, dass es eine Gender-Kluft gibt, was den Ruf nach Reformen betrifft. Männer gehören zu ihren Unterstützern – und Frauen zu ihren Kritikern.

Ein wahrer Kulturkampf entbrannte zuletzt über ein Video, das Religionsminister Abdullatif Al al-Sheikh zeigt, wie er eine Hinterbliebene eines Attentatsopfers von Christchurch umarmt (die von Saudi-Arabien zur Pilgerfahrt eingeladen wurden). Die Empörung, dass der Minister – der ein Nachkomme des salafistischen Ideologen Mohammed Ibn Abdul Wahhab ist – eine Frau an sich drückt, die "haram", also ihm verboten, ist, kam von Männern wie Frauen, aber auch Applaus. Und während das Ministerium das Video nicht zeigt, twittern es die saudischen Lobbyisten international nur zu gerne. (Gudrun Harrer, 7.8.2019)