Frech wie Oskar oder scheu wie ein Reh? Silbermöwen offenbarten in einem Experiment ganz unterschiedliche Persönlichkeitszüge.
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Möwen haben sich einen Ruf als Essensdiebe der besonders frechen Art erworben: Da passt man beim Picknick am Strand einen Moment nicht auf, und schon ist die Grillsardine davongeflogen. Wie sich solchem Mundraub vorbeugen lässt, berichten nun Forscher der University of Exeter im Fachjournal "Biology Letters".

Kreischende Kulturfolger

Mehrere Möwenarten haben sich zu Kulturfolgern entwickelt, sie nutzen gerne die Möglichkeiten, die ihnen der Mensch bietet. Von den Netzen eines Fischerboots über Müllkippen bis zu städtischen Fußgängerzonen finden sie überall Nahrung – mitunter auch weit von den Meeresküsten entfernt. In Österreich etwa sind vor allem im Winter Lachmöwen weit verbreitet.

Weiter nordwestlich ist die Silbermöwe zuhause – und auch bei der zeichnet sich laut den britischen Forschern ein Trend Richtung menschliche Umgebung ab. Insgesamt gehen die Bestände der Silbermöwen in Großbritannien zurück, in urbanen Gebieten hingegen sind sie im Wachsen. In manchen Gebieten werden die Tiere wegen ihrer diebischen Tendenzen sogar bereits als Lästlinge eingestuft.

Ein Hauch von Hitchcock: Hier hat ein LKW-Fahrer den Fehler gemacht, seine Ladung Heringe nicht sicher genug abzudecken.
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Experimentelle Überprüfung

Ein Team um Madeleine Goumas von der Uni Exeter hat nun herauszufinden versucht, ob der schlechte Ruf von Möwen berechtigt ist. Und ist zu einem – bedingten – Nein als Antwort gekommen. Die Tiere seien im Schnitt deutlich scheuer, als gemeinhin angenommen wird.

Für ihr Experiment legten die Forscher an verschiedenen Orten in Cornwall Futter ab. Dann testeten sie, ob es für Möwen einen Unterschied macht, wenn man sie fest ins Auge nimmt oder sie unbeobachtet lässt. Tatsächlich zögerten die Tiere wesentlich länger, sich an Futter heranzuwagen, wenn sie beobachtet wurden – im Schnitt um 21 Sekunden. Goumas' Tipp für ungestörtes Essen am Strand also: Etwaige Möwen immer fest im Auge behalten (und sich gelegentlich umdrehen, falls sich eine von hinten anschleicht).

Madeleine Goumas führt ihr Experiment vor.
Pirate FM

Und das waren nur die insgesamt 19 Exemplare, bei denen man überhaupt den Vergleich anstellen konnte. Gestartet war der Versuch mit 74 Möwen – doch die meisten davon ließen sich vom angebotenen Futter gar nicht erst anlocken, sondern mieden überhaupt die Nähe von Menschen.

Besser nicht füttern

Die Forscher haben die Verzögerung aber nicht ohne Grund mit "im Schnitt" angegeben. Einige besonders dreiste Tiere ließen sich nämlich von menschlichen Augenzeugen nicht vom Diebstahl abhalten. Goumas äußerte sich überrascht, dass es so große individuelle Unterschiede zwischen Möwen gibt: "Es scheint, dass ein paar besonders wagemutige Möwen den Ruf des Rests ruinieren."

Ein paar Beispiele für Möwen der weniger scheuen Art.
Scare Someone

Neeltje Boogert, Seniorautorin der Studie, verweist auf die hohe Lernfähigkeit von Möwen. Die frecheren Exemplare haben vermutlich gute Erfahrungen mit Menschen gemacht – entweder weil sich diese als leicht zu überrumpeln erwiesen oder weil sie die Tiere sogar fütterten. Woraus sie den zweiten Tipp ableitet: Möwen nicht füttern, das kann sie auf lange Sicht aufdringlich machen. Ob dieser Ratschlag konsequent befolgt wird, bleibt aber offen – immerhin findet sich auch immer jemand, der die von der Mehrheit der Stadtbevölkerung inbrünstig gehassten Tauben füttert ... (jdo, 7. 8. 2019)