Bruno Kreisky bei einem Besuch mit dem damaligen Atomdirektor Alfred Nentwich (links).
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Kritik an der friedlichen Nutzung der Kernkraft regte sich in Österreich bereits in den 1960er-Jahren. Damals ging der Widerstand aber vom rechten Rand des politischen Spektrums aus: "In Österreich waren es in der frühen Phase des Protests vor allem konservative Gegner der Kernenergie, deren Kritik deutliche Bezüge zur NS-Rassenhygiene aufwies", erläutert der Physiker und Wissenschaftshistoriker Christian Forstner. "Diese Kritiker waren besorgt, dass durch die Kernenergie das Erbgut der österreichischen Bevölkerung geschädigt werden könnte."

Eine zentrale Rolle in dieser frühen Anti-Atomkraft-Bewegung spielten der Bund für Volksgesundheit unter Führung der Wiener Richard und Walther Soyka sowie der Weltbund zum Schutz des Lebens, der 1960 vom Schriftsteller Günther Schwab zusammen mit Natur- und Tierschützern gegründet wurde. Walther Soyka war während des Krieges Mitglied der SS, Günther Schwab Mitglied der NSDAP und der SA.

"Erst Mitte der 1970er-Jahre verbreiterte sich der Widerstand", so Christian Forstner. "Besonders aktiv waren dabei Studentenverbände, die an den Universitäten eigene Arbeitsgruppen bildeten und Aufklärungsarbeit betrieben." Auch etliche Wissenschafter – darunter etwa der Nobelpreisträger Konrad Lorenz – setzten sich damals für den Kampf gegen die Atomkraft ein. Schließlich erfasste der Widerstand auch andere gesellschaftliche Schichten und verhinderte letztlich den Einstieg Österreichs in diese Risikotechnologie.

Die Anfänge

Als Henri Becquerel 1896 die radioaktive Strahlung des Urans und zwei Jahre später das Ehepaar Curie das Radium entdeckt hatten, dachte noch kein Mensch an die Gefahren der Radioaktivität. Ganz im Gegenteil – Anfang des 20 Jahrhunderts galten etwa Radiumkuren als äußerst förderlich für die Gesundheit. Das weltweit erste Institut für Radiumforschung wurde 1910 in Wien eröffnet.

Lise Meitner und Otto Hahn im Labor.
Foto: Imago

Mit der Entdeckung des Neutrons 1932 änderte sich allerdings der Charakter der Forschung, denn nun hatte man ein Teilchen, mit dem man bis in den Atomkern vordringen und neue Elemente erzeugen konnte. Sechs Jahre später entdeckten Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Straßmann die Kernspaltung, durch die enorme Mengen an Energie freigesetzt werden können.

Forschungen ab 1938

Kurz vor dieser folgenschweren Entdeckung war es zum "Anschluss" Österreichs an Nazideutschland gekommen. "Das Wiener Radiuminstitut arbeitete in der Folge unter neuer Leitung mit Nazideutschland zusammen" , berichtet der Wissenschaftshistoriker Forstner. "Obwohl 1938 zahlreiche Wissenschafter vertrieben wurden, lief die Forschung ohne größere Unterbrechungen weiter." Man beteiligte sich am Kernforschungsprojekt NS-Deutschlands, dem "Uranverein". Ziel dieses Projekts war zunächst der Bau eines Kernreaktors.

Bis Kriegsende gelang es den Wissenschaftern aber nicht, die dafür nötige selbsterhaltende Kettenreaktion aufrechtzuerhalten. "Ein Kernreaktor kann entweder mit natürlichem Uran und schwerem Wasser betrieben werden oder mit angereichertem Uran 235 und normalem Wasser als Kühlmittel und Moderator", so Forstner. "Im ersten Fall fällt das waffenfähige Plutonium ab, im zweiten benötigt man Anreicherungstechnologien, die auch hochangereichertes, waffenfähiges Uran 235 erzeugen können." Ein Dilemma übrigens, das aktuell im Streit um das iranische Nuklearprojekt sichtbar wird.

Der Atombombenabwurf in Hiroshima am 6. August 1945.
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Die USA beschritten während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen ihres "Manhattan Project" jedenfalls beide Wege – und zwar sehr erfolgreich. Der praktische Einsatz der neuen Wunderwaffe ließ dann auch nicht lange auf sich warten: Am 6. und 9. August 1945 warfen die USA die beiden ersten und bislang einzigen in einem Krieg eingesetzten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab. An die 100.000 Menschen wurden damit sofort getötet, allein bis Ende 1945 starben weiter 130.000 an Folgeschäden. Wer nicht sofort zu Asche verbrannte oder von einstürzenden Gebäuden erschlagen wurde, starb einen qualvollen Tod. Und die Überlebenden leiden noch heute an den medizinischen Spätfolgen der Verstrahlung.

"Zunächst glaubten die USA, das vermeintliche Geheimnis um die Atombombe sicher verwahrt zu haben", berichtet der an der Friedrich-Schiller-Universität Jena lehrende Wissenschaftshistoriker, dessen Habilitationsschrift zu diesem Thema nun auch als Buch vorliegt. "Die Zündung der ersten sowjetischen Atombombe im Jahr 1949 belehrte sie aber eines Besseren und machte eine neue politische Strategie in dieser frühen Phase des Kalten Kriegs erforderlich." Diese Strategie legte der amerikanische Präsidenten Dwight D. Eisenhower in seiner "Atoms for Peace"-Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen erstmals im Dezember 1953 dar.

Atomreaktor-Paket geliefert

"Im Zuge des 'Atoms for Peace'-Programms haben die USA befreundeten Nationen Atomreaktoren als Komplettpaket geliefert", erzählt Christian Forstner. "Dieses Paket umfasste den Reaktorbau, die Ausbildung des Personals sowie die Lieferung und Entsorgung der Brennstäbe." Damit brauchten diese Nationen keine eigene Anreicherungstechnologie zu entwickeln, mit der ja auch der Bau einer Atombombe möglich würde. Zudem konnten die USA durch die vertraglich festgeschriebene Nutzung von Patenten aus der entsprechenden Forschung wirtschaftlich von den Innovationen ihrer Partner profitieren.

Österreich erhielt im Rahmen des US-Programms zwei Forschungsreaktoren: Einer wurde im Prater aufgestellt und ist bis heute als Teil des Atominstituts der TU Wien in Betrieb. Der andere Reaktor wurde zwischen 1958 und 1960 zusammen mit einem Zwischenlager für niederradioaktive Abfälle in Seibersdorf errichtet. In einem weiteren Schritt begann man 1971 mit dem Bau des Kernkraftwerks Zwentendorf. Als es 1978 seinen Betrieb aufnehmen sollte, kam es jedoch nach massiv angewachsenen Protesten zu einer Volksabstimmung, die sehr knapp gegen eine Inbetriebnahme des Reaktors ausging.

Das Schaltzentrum des AKWs Zwentendorf – das Foto entstand 30 Jahre nach der Volksabstimmung.
Foto: Matthias Cremer

Noch im selben Jahr trat das Atomsperrgesetz in Kraft, das in Österreich die Energieproduktion aus Kernspaltung verbot. Heute wird die Anlage in Zwentendorf als Schulungsort für den Rückbau von Kernkraftwerken und als kuriose Touristenattraktion genutzt. Den Kernreaktor in Seibersdorf hat man 2004 stillgelegt.

Gegenwärtig betreiben 14 der (noch) 28 EU-Staaten Atomkraftwerke. Die Zahl der Reaktoren auf europäischem Boden ist seit 1989 von 177 auf 126 gesunken. Nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 haben Deutschland, die Schweiz, Belgien und Spanien den Atomausstieg beschlossen. (Doris Griesser, 8.8.2019)