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Bärtierchen sind die Superhelden unseres Planeten. Sie überstehen Hitze, Kälte, Sauerstoffmangel und Strahlung – auf der Erde und anderswo.
Foto: Picturedesk / Science Photo Library

Am 11. April 2019 erreichte der israelische Lander Beresheet den Mond, wenn auch nicht so wie geplant. Nachdem das Haupttriebwerk ausgefallen war, schlug das Landegerät mit hoher Geschwindigkeit auf der Mondoberfläche auf. Damit war die erste privat finanzierte Mondlandemission gescheitert, entmutigen ließ man sich in Israel davon aber nicht. An einer Nachfolgemission wird schon gearbeitet.

Womöglich war der Absturz aber gar nicht für alle Beteiligten ein Unglück. Wie nun bekannt wurde, befand sich eine außergewöhnlich robuste Fracht an Bord des kleinen Mondlanders, und die könnte den Crash durchaus überstanden haben: mehrere Tausend winzige Bärtierchen.

Aufnahmen der Absturzstelle der israelischen Mondsonde Beresheet.
Foto: Nasa / GSFC / Arizona State University

Backup auf dem Mond

Diese auch Tardigraden genannten Lebewesen, die einen eigenen Tierstamm innerhalb der Häutungstiere bilden, gehören fraglos zu den ungewöhnlichsten Bewohnern unseres Planeten. Und das liegt weniger daran, dass die meist unter einem Millimeter kleinen Wesen in ihrem Aussehen und ihrer tapsigen Fortbewegung ein bisschen an Mini-Bären erinnern. Es ist vor allem ihre schier unglaubliche Fähigkeit, selbst unwirtlichsten Lebensbedingungen zu trotzen, die den Bärtierchen einen Sonderstatus unter den Erdenbewohnern sichert.

Dunkle Tiefsee, Rekordhöhen, große Hitze, extreme Kälte, Trockenperioden, Sauerstoffmangel, starke Strahlung? Für Tardigraden kein Problem. Die Tierchen kommen auf der Erde so gut wie überall vor – am Grund der Ozeane, im Himalaya, in den Polarregionen und vermutlich auch in der Dachrinne Ihres Hauses. Einigen Arten macht nicht einmal die Abwesenheit von Geschlechtspartnern etwas aus – zur Not entwickeln sich ihre Nachkommen eben aus unbefruchteten Eiern.

Wenig zimperlich: das Bärtierchen.
Foto: AP/Thomas Boothby

Aber ein Crash am Mond? Bei der Arch Mission Foundation hält man das für gut möglich: Die Non-Profit-Organisation steckt hinter einer Zeitkapsel, die mit Beresheet zum Mond gebracht werden sollte. Erklärtes Ziel der Organisation ist es, "Sicherungskopien" mit Informationen über die Erde und die menschliche Zivilisation ins All zu bringen und so für die ferne Zukunft zu konservieren.

DNA und Mini-Bären

Zu diesem Zweck hatte der israelische Mondlander unter anderem Daten von Wikipedia und etliche Werke der Weltliteratur geladen, graviert im Nanomaßstab auf ultradünne Nickelscheiben. Es gab aber auch noch weitere Mitbringsel, die bisher geheim geblieben waren – wohl auch, um sie nach und nach öffentlich wirksam bekannt geben zu können.

Genau das tat Nova Spivack von der Arch Mission Foundation diese Woche in einem Gespräch mit dem US-Magazin Wired. Er erklärte, dass auch menschliche DNA und Bärtierchen an Bord waren – sorgfältig platziert zwischen den Nickelscheiben, sicher eingeschlossen in Epoxidharz. "Unsere Ladung könnte das einzige sein, was von dieser Mission übrig geblieben ist", sagte Spivack.

Es wäre nicht der erste Ausflug für die Mini-Bären ins All. Schon 2007 schossen Forscher Tardigraden zehn Tage ungeschützt in den Orbit, wo sie Vakuum, Kälte und UV-Strahlung ausgesetzt waren. Ein Teil der Tierchen steckte selbst das weg, deren Nachkommen entwickelten sich prächtig.

Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Bärtierchens.
Foto: AP/William Miller

Jahrzehntelanger Scheintod

Zwar sind noch viele Details über die Robustheit dieser Kreaturen rätselhaft, klar ist aber, dass sie Extrembedingungen in einem Ruhestadium überdauern. Sie stellen den Stoffwechsel komplett ein, alle Lebenszeichen erlöschen. In diesem Zustand können Bärtierchen jahrzehntelang verharren. Bessern sich die Umweltbedingungen, wachen sie binnen kürzester Zeit wieder auf – als wäre nichts gewesen.

Experten zufolge wäre es durchaus möglich, dass die Bärchen den Aufprall überstanden haben und im Schlummerzustand auf dem Mond verweilen. Dass sie aufwachen oder sich gar fortpflanzen, ist ohne Wasser und Sauerstoff nicht denkbar. Theoretisch könnten die Winzlinge aber irgendwann in einer Mondstation oder zurück auf der Erde wiederbelebt werden.

Stichwort Kontamination

Angesichts der großen Aufmerksamkeit sah man sich bei der Arch Mission Foundation indes zu einigen Klarstellungen veranlasst: Die Verantwortung für den Transport zum Mond liege allein bei ihr, die Bärtierchen seien zudem sicher verpackt gewesen und hätten sich nicht auf äußeren Oberflächen befunden.

Man achte auf den Schutz vor biologischer Kontamination, zu einem Objekt mit Aussicht auf extraterrestrisches Leben hätte man eine solche Probe nicht geschickt, schrieb die Organisation im Kurznachrichtendienst Twitter. Der Mond sei es außerdem gewohnt, heißt es im Nachsatz sinngemäß: Die Apollo-Astronauten hätten dort fast 100 Behälter mit Exkrementen hinterlassen. (David Rennert, 7.8.2019)

Update 8.8.2019, 15:30: Wie der Planetary Protection Officer der europäischen Weltraumorganisation Gerhard Kminek auf Anfrage des STANDARD mitteilte, hat der Absturz der Mondsonde mit biologischem Material an Bord keinerlei Verpflichtungen verletzt. Kminek ist bei der Esa für alle Maßnahmen zum Schutz vor biologischer Kontamination zuständig und erklärte, dass die einzige diesbezügliche Anforderung an Mondmissionen darin bestehe, das organische Inventar zu dokumentieren. "Der internationale Ausschuss für Weltraumforschung empfiehlt, diese Informationen spätestens sechs Monate nach dem Start bereitzustellen", so Kminek. (dare)