Die Situation in Hongkong kann schnell unübersichtlich werden. Das gilt nicht nur für Beobachter, sondern auch für die Polizei Hongkongs und die Regierung in Peking. Letztere agiert auf ungewohntem Gebiet. Eine Reihe von Bestimmungen verbietet ihr jene Form des Einsatzbefehls gegen Demonstranten, der im Rest Chinas üblich wäre: das Durchgreifen mit voller Härte.

Laser-Pointer sollen Polizisten an der Gesichtserkennung von Demonstranten hindern. Umgekehrt versuchen die Kundgebungsteilnehmer, die Gesichter von Polizisten zu erfassen.
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Allerdings: Vieles wird durch kreative Maßnahmen umgangen. Gesichtserkennung, so Demonstranten, die zu Hause von der Polizei festgenommen wurden, finde trotz Gesetzen zum Datenschutz statt. Und der Einsatz von Gewalt werde zunehmend ausgelagert: Erst vor zwei Tagen führen zwei Taxis und ein Auto in eine Gruppe von Demonstranten, vergangene Woche wurden Kundgebungsteilnehmer in der ungewöhnlichen Form eines Drive-by-Shooting mit Feuerwerk beschossen und verletzt. Immer wieder treten auch weißgekleidete Männer als Provokateure auf – laut Demonstranten Mitglieder des organisierten Verbrechens, der Triaden, auf Geheiß Pekings.

Private Gesichtserkennung

Nicht nur deshalb setzen auch die Demonstranten auf kreative Methoden. Eine der umstrittensten ist eine private Datenbank, die Daten tausender Mitglieder der Polizei und von deren Familienmitgliedern umfasst. Aufbauend auf Googles Reverse Image Search kommt auch auch hier Gesichtserkennung zum Einsatz. Die Demonstranten begründen die Idee mit der Entscheidung der Polizei, das Tragen von Namensmarken zu beenden, schrieb jüngst die "New York Times".

Gegen Tränengas kommen Verkehrshütchen zum Einsatz.
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Zudem haben die Demonstranten Methoden zum Löschen von Tränengaskanistern mittels Verkehrshütchen gefunden und Apples App Air Drop wiederentdeckt, mit der sich bei Sperren des Mobilfunknetztes Botschaften via Bluetooth verbreiten lassen.

Bruce Lee als Pate, Chinesen als Ziel

Außerdem setzt man in Anlehnung an ein Bruce-Lee-Zitat auf das Motto "sei Wasser". Statt großer, leicht anzugreifender Versammlungen stehen kleine "Flashmobs" in Hotellobbys, Regierungsgebäuden oder Liften auf dem Programm, die sich schon vor Eintreffen der Polizei wieder auflösen. Ziel ist, Personal zu binden und für Störung zu sorgen. Ein System an Handzeichen soll schnelle Versorgung mit Wasser, Gesichtsmasken oder medizinischer Versorgung sicherstellen.

Immer öfter kommt es bei den Protesten in Hongkong tatsächlich auch zu Gewalt – in den vergangenen Wochen hatten das Chinas Medien allerdings lange faktenwidrig behauptet.
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Bei anderen Demos setzt man auf Orte, die von Touristen vom chinesischen Festland besucht werden: Shoppingstraßen und der internationale Flughafen etwa. So will man zeigen, dass die Darstellung der Protestierenden als gewalttätige Mobs in Chinas Staatsmedien nicht der Wahrheit entspricht. Allerdings, das gaben auch die Demonstranten zu: Zuletzt gab es durchaus häufiger auch Gewalt. Die USA haben ihre Reisewarnungen für Hongkong am Mittwoch verschärft. (Manuel Escher, 7.8.2019)