Inmitten von Falschheit und Attitüde erscheint der weinende Mensch/Mann als "wahr" und "echt", weiß die Psychoanalytikerin Ruth Mätzler. Im Gastkommentar widmet sie sich der Inszenierung in der Politik.

Der Druck auf Politiker ist hinsichtlich ihrer "Performance" extrem angewachsen. Sie sollen jung und attraktiv sein, aber auch die distinguierte Aura eines Elder Statesman verströmen. Knallhart in der Sache sollen sie sein, jedoch auch emotional (herzige Haustiere inbegriffen). Das mühsame, teilweise undankbare Abarbeiten komplexer politischer Zusammenhänge ist für einen Wahlerfolg weniger relevant als ein Fernsehauftritt, der starke Bilder produziert.

Es hat sich daher ein riesiger Beratungsmarkt für Menschen in öffentlichen Funktionen etabliert – die richtige Bedienung der Gefühlsklaviatur steht ganz oben auf dem Lehrplan. Die Betroffenheitsrhetorik und die Austauschbarkeit sprachlicher Fertigbausteine haben ein Unbehagen an der Politik zur Folge, das wiederum bestimmte paradoxe Wählerreaktionen erklärt. Nicht nur öffentliche Tränen, auch rüpelhaftes Verhalten und verbale Entgleisungen der übelsten Art werden plötzlich als Beweis für Authentizität erlebt und entsprechend honoriert. Hauptsache, es fällt endlich einmal jemand aus dem Rahmen!

Vernunft – (k)eine Tugend

Vernunft und Selbstkontrolle zählen nicht mehr zwangsläufig zu den erwünschten Tugenden. Ungläubig schaut ein Teil der Welt auf Donald Trump, der sämtlichen Konventionen in Sachen Respekt und Taktgefühl bis heute eine klare Absage erteilt hat. Er ist damit fallweise sehr erfolgreich. Und selbst Heinz-Christian Strache bekam trotz (oder wegen?) seiner peinlichen Entgleisungen auf Ibiza genügend Vorzugsstimmen für ein politisches Mandat in Brüssel.

Wer weint, zeigt seine emotionale Verletzlichkeit. Ein Krokodil pfeift darauf – kommen ihm die Tränen, ist man am besten ganz weit weg.
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Was in der zuvor geschilderten Entwicklung deutlich zum Ausdruck kommt, ist der nachvollziehbare Wunsch vieler Menschen nach Unmittelbarkeit jenseits der Coaching- und Optimierungskultur. Wenn dieser Wunsch jedoch für politische Zwecke instrumentalisiert wird, indem wahlweise auf die Tränendrüsen gedrückt oder an latente Ressentiments angeknüpft wird, impliziert das ein manipulatives und damit gefährliches Geschehen. In kalkulierter Absicht wird sowohl die Bereitschaft zur Rührung als auch die zur Empörung schamlos ausgenützt.

Der damalige FPÖ-Chef wurde bekanntlich dabei gefilmt, wie er einer vermeintlichen russischen Milliardärin Staatsaufträge als Gegenleistung für Parteiunterstützung in Aussicht stellte und außerdem plante, die unabhängige Presse zu demontieren und auf Parteilinie zu bringen.

Übles Spiel

Straches Äußerungen waren so kompromittierend, dass ihm nichts anderes übrigblieb, als öffentlich seinen Rücktritt als Vizekanzler zu erklären, wobei er viel Zeit darauf verwendete, den Keim für diverse Verschwörungstheorien zu legen und sich darüber zu beklagen, wie übel man ihm nicht mitgespielt hätte.

Bemerkenswert ist die Passage, in der er sich via TV an seine Frau wendet, den "wichtigsten Menschen in meinem Leben", den er "zutiefst verletzt habe". Er schaut mit tränenfeuchten Augen eindringlich in die Kamera. Es folgt eine persönliche Entschuldigung, beginnend mit den Worten: "Liebe Philippa, du siehst jetzt wahrscheinlich zu." Jeder wurde Zeuge eines intimen Dialogs zwischen Eheleuten, in dem es ausschließlich um persönliche Belange ging. Die politischen Ungeheuerlichkeiten, die in der Folge zum Sturz der gesamten Regierung führen sollten, wurden in dieser sentimentalen Inszenierung zur Bedeutungslosigkeit heruntergeweint.

Waterloo und Wahlerfolg

Die Reaktionen darauf waren zwiespältig. Bei den einen löste das Pathos des reuigen Ehemanns Abscheu aus, andere wiederum fühlten sich davon angerührt. Wer weint, hat recht! Und so gelang es Strache, ein politisches Waterloo in einen Wahlerfolg umzumünzen. Der beabsichtigte Ausverkauf Österreichs war ebenso vergessen wie die Orbánisierung der Presse.

Die private Situation des Vizekanzlers rückte ins Zentrum seiner Rede. In einer perfekten Inszenierung stellte er seine persönliche Leidensbilanz über das Wohl des Staates, dem er sich in seiner Position eigentlich hätte verpflichtet fühlen müssen. Diese Sequenz ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie die Vermischung von Politischem und Privatem gezielt eingesetzt werden kann, um die öffentliche Meinung auf einer subkutanen Ebene des sentimentalen Kitsches zu beeinflussen. Geradezu unentspannt wirken dagegen Politiker und Politikerinnen, die sich tatsächlich noch mit Inhalten abmühen und schlechte Botschaften eben nicht durch Einblicke in ihr Privatleben abfedern.

Schnell weg!

Eine Anregung zum Schluss: Zoologen der Universität Florida haben eine wissenschaftliche Studie zum Phänomen der Krokodilstränen vorgelegt. Sie stellten fest, dass die schwergewichtigen, schuppengepanzerten Tiere beim Verzehren ihrer arglosen Opfer tatsächlich weinen – allerdings nicht aus Mitgefühl, sondern vor Anstrengung. Wenn Sie also den Eindruck haben sollten, dass Ihr Gegenüber sich beim Weinen sehr abplagen muss, dann bringen Sie sich besser schnell in Sicherheit! (Ruth Mätzler, 11.8.2019)