Er ist aggressiv, löst mit Tweets Staatskrisen aus, verbreitet gern Halbwahrheiten. Aber eines kann man US-Präsident Donald Trump nicht vorwerfen: wortbrüchig geworden zu sein. Mit ihm als Präsidenten werde in der Handelspolitik kein Stein auf dem anderen bleiben, versprach er im Wahlkampf 2016. Und tatsächlich gibt es kaum ein Land, mit dem er sich nicht angelegt hat. Wo stehen wir jetzt, wie kam es so weit, und welche Strategie verfolgen die wichtigsten Player? Ein Überblick.

Der erste Akt, die Ausgangslage: Trump poltert und trifft einen Nerv

"Wann war das letzte Mal, dass wir China bei einem Handelsabkommen geschlagen haben?" In dieser rhetorischen Frage, die Trump im Wahlkampf oft wiederholt hat, steckt alles drin, was man über die Handelsstrategie des Präsidenten wissen muss. Die Globalisierung ist für den zum Staatschef aufgestiegenen Immobilienmogul ein Kampf, in dem sich nur der Härtere behaupten kann. Es gibt nur Sieger und Besiegte.

Mit dem Spruch konnte er bei vielen seiner Wähler deshalb punkten, weil sie es ähnlich sehen wie der Präsident. Trump traf einen Nerv. Die US-Industrie steckt in einer Misere. Auch wenn es zu einfach ist, Freihandel die Schuld daran zu geben, hat er doch einen Anteil an der Entwicklung.

US-Betriebe produzieren heute mehr als in der Vergangenheit. Aber die Unternehmen beschäftigen weniger Menschen. Der Niedergang lässt sich in zwei Phasen einteilen: In der ersten, den 1980er-Jahren, kollabierte die Stahlindustrie. Weil das Wachstum zurückging, wurde weniger Material für Brücken und Häuser gebraucht. Zugleich setzten billigere Konkurrenten aus Südkorea und Europa Herstellern zu.

Trump vor einer Woche bei einem Auftritt vor Anhängern in Ohio.
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Der zweite Schock kam in Form von China. 2001 trat das Land der Welthandelsorganisation (WTO) bei. Damit erhielt China besseren Zugang zum US-Markt. Chinas Unternehmen verkauften Textilien, Spielzeug und Möbel in den USA. Während die Volksrepublik einen Wachstumsschub erhielt, kostete die Entwicklung in den USA Jobs.

Laut David Autor vom Massachusetts Institute of Technology ist die Zahl der Beschäftigten in der US-Industrie seit den 1990er-Jahren um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Fast die Hälfte dieses Rückgangs ist für Autor durch Billigimporte aus China erklärbar. Das entspricht dem Verlust von 2,4 Millionen Arbeitsplätzen.

Die ökonomische Theorie besagt, dass es dank des gestiegenen Handelsvolumens mehr Gewinner als Verlierer geben sollte, die Verlierer also nach einer Umbruchphase besser dastehen sollten. Doch genau das war in vielen Regionen nicht der Fall.

Parallel dazu begannen Unternehmen aus den USA nach Mexiko abzuwandern, wo sie günstiger produzieren können.

Er werde China mit Zöllen bestrafen, die Europäer in die Schranken weisen, Handelsabkommen zerreißen, versprach Trump im Wahlkampf.

Der zweite Akt, die Symbolpolitik: Die USA schlagen zu

In den Bundesstaaten Ohio, Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, die alle stark von den erwähnten Umwälzungen betroffen waren, triumphierte Trump bei den Präsidentschaftswahlen wenig später. Nach seinem Amtsantritt im Jänner 2017 legte er gleich los. Zunächst erklärte er den Austritt aus der Transpazifischen Partnerschaft (TPP), der neben den USA unter anderem Australien, Vietnam und Japan angehört hätten. Die Aktion hatte nur Symbolcharakter: TPP war noch nicht in Kraft und wäre es wegen der komplexen Umsetzung noch jahrelang nicht gewesen. Aber der Präsident gibt die neue Richtung vor.

Der nächste, wegen begrenzter Importmengen ebenfalls symbolische Schlag, folgte im Jänner 2018: Die USA verhängten Zölle auf Waschmaschinen und Solaranlagen. Dann führte Trump einen Zoll von 25 Prozent auf Stahl und zehn Prozent auf Aluminium ein. Er unterzeichnete die Anordnung im Weißen Haus mit Stahlarbeitern im Hintergrund – das Bild ging um die Welt.

Der US-Präsident ordnet Steuern auf Stahl und Aluminium an.
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In dieser ersten Phase richteten sich die Maßnahmen, die noch bis heute in Kraft sind, gegen (fast) alle Länder. Die USA riskierten in dieser Zeit Konflikte, aber keine Brüche. So zerreißt Trump das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta nicht, wie im Wahlkampf angekündigt, sondern lässt den Deal neu verhandeln.

Kanada und Mexiko machen den USA Zugeständnisse. Laut dem deutschen Handelsexperten Jens Südekum sind sie vor allem "kosmetischer" Natur. Autobauer in Mexiko müssen künftig mehr Teile in den USA einkaufen. Eine Studie der US-Regierung kommt zum Ergebnis, dass der Deal gerade einmal 30.000 zusätzliche Jobs in den Vereinigten Staaten schaffen wird.

Aber Trump reicht das. Er kann das neue Abkommen als Erfolg verkaufen – die Stahlzölle gegenüber Kanada und Mexiko hebt er auf. Auch andere Länder machen kleinere Zugeständnisse. Südkorea erklärte, dass das Land weniger Stahl in die USA verkaufen wird. Die EU bleibt vorerst hart und ergreift wegen der Stahlzölle im Juni 2018 Vergeltungsmaßnahmen: Blue Jeans, Whiskey und Harley Davidson sind betroffen.

Der dritte Akt oder es wird ernst: Der Konflikt mit China

Parallel beginnen die USA ein Land besonders ins Visier zu nehmen: China. Der Ökonom Südekum hält diesen Konflikt für den einzigen, den Trump wirklich austragen will, wo es ihm also nicht nur um symbolische Siege geht, die er den Wähler verkaufen kann. Im Frühjahr 2018 schaukelt sich der Konflikt hoch: Die USA drohen China mit Zöllen, China droht mit Vergeltung. Am 6. Juli 2018 bricht der Konflikt aus. Die USA nehmen über 1000 chinesische Produkte ins Visier. Die meisten sind Industrieprodukte, etwa Elektronik. Die Strategie: Die USA wollen Chinas technologischen Aufstieg ausbremsen.

Wie so oft begleitet Trump den Konflikt via Twitter: "Zölle sind das Größte", schreibt er am 24. Juli lapidar.

China seinerseits belegt Einfuhren aus den USA, darunter Lebensmittel, mit Zöllen. Das verärgert die USA weiter: Im Herbst 2018 treten neue Strafmaßnahmen in Kraft, diesmal sind chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden Dollar betroffen.

Der vierte Akt, die Annäherung: Die USA scheinen besänftigt

Während der Konflikt mit China eskaliert, schwenken die USA im Verhältnis zur EU um. Ende Juli 2018 besiegeln Trump und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker einen Friedensvertrag. Die USA hatten zuvor angedroht, Automobile aus Europa mit Zöllen zu belegen, die EU hätte darauf antworten müssen. Beide Seiten vereinbaren Verhandlungen über einen Handelsdeal. Seitdem gibt es immer wieder Zeichen der Entspannung, die Europäer setzen darauf, Trump besänftigen zu können. Zuletzt sichert die EU den USA Importquoten für Rindfleisch zu.

Kann der Handelskrieg gewonnen werden?
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Ende 2018 folgt eine Überraschung. Die USA schlagen plötzlich gegenüber Peking freundliche Töne an. Beide Seiten nehmen Verhandlungen über ein Abkommen auf. Die USA fordern einen besseren Schutz für ihre Unternehmen in China vor technologischem Diebstahl. "Die Gespräche mit China laufen sehr gut", twittert Trump am 8. Jänner 2019. Im April sieht es so aus, als stünden beide Seiten vor einem Deal.

Der fünfte Akt, die Katastrophe: Der totale Handelskrieg beginnt

Doch die Gespräche sind zäh. Die Volksrepublik ist nicht bereit, Trump entgegenzukommen. Peking fühlt sich erpresst. Im Mai kündigen die USA Maßnahmen gegen Chinas größten Technologiekonzern Huawei an. US-Unternehmen dürfen Technologien von Huawei nicht mehr einkaufen. Das hat praktisch kaum Auswirkungen, aber US-Unternehmen dürfen Huawei auch nicht mit Technologie beliefern. Das ist ein schwerer Schlag: Für Huawei ist Europa der zweitgrößte Markt, und ohne Google kann das Unternehmen keine Updates für Apps via Android anbieten.

Chinas Technologiekonzern Huawei ist unter Druck.
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Ab 19. August gelten diese Maßnahmen. Und die USA kündigen ab September neue Zölle an – auf alle verblieben Importe aus China. Nun sind Konsumentengüter betroffen. China bleibt hart – und erlaubt erstmals eine Abwertung seines Yuan auf ein historisches Tief. Damit verbilligen sich Chinas Produkte für US-Einkäufer. (András Szigetvari, 10.8.2019)