Eines der wenigen Bilder aus Njonoxa.

Foto: REUTERS/Sergei Yakovlev

Totengedenken in Sarow.

Foto: AP/Russian State Atomic Energy Corporation ROSATOM

Moskau – Nach dem Unfall auf einem russischen Raketentestgelände, bei dem am Donnerstag der Vorwoche sieben Menschen ums Leben kamen, wurde nun die Evakuierung der nahe gelegenen Ortschaft Njonoxa (468 Einwohner) angeordnet. Die Nachrichtenagentur Interfax meldet unter Berufung auf lokale Behörden, dass die Einwohner das Dorf am Mittwoch wegen "geplanter Militäraktivitäten" zwischen 5 und 7 Uhr morgens verlassen sollen.

Die Behörden der Region Archangelsk dementierten, dass es sich um eine Evakuierung des Ortes handele. Das Medienunternehmen RBK zitierte mehrere Anwohner aus Njonoxa: Die Aufforderung, den Ort zu verlassen, sei bei Raketentests üblich und habe nichts mit dem Unfall am vergangenen Donnerstag zu tun.

Das Personal des Spitals der 80 Kilometer von der Unfallstelle entfernten Stadt Archangelsk, das nach dem Unfall Kontakt mit den Verletzten hatte, wurde mittlerweile nach Moskau gebracht, wo die Ärzte und Pfleger untersucht werden sollen. Die Nachrichtenagentur Tass berichtet, dass sie eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet hätten, die ihnen untersagt, über die Ereignisse vom vergangenen Donnerstag zu sprechen.

Bei der Explosion wurde über einen längeren Zeitraum deutlich mehr radioaktive Strahlung freigesetzt als bisher bekannt. Das in der Natur vorkommende Niveau sei in der Spitze um das 16-Fache überschritten worden, teilte der russische Wetterdienst Rosgidromet am Dienstag mit. Erhöhte Werte seien innerhalb von zwei Stunden gemessen worden.

Bericht von Webseite entfernt

Die Verwaltung der nordrussischen Stadt Sewerodwinsk am Weißen Meer hatte zuvor lediglich von einem kurzzeitigen Anstieg von bis zu einer Stunde gesprochen, die Meldung aber kurz darauf wieder von der Webseite der Stadt gelöscht. Viele Menschen deckten sich danach mit Jodtabletten ein. Es gab auch im Ausland die Befürchtung, dass die russischen Behörden – wie in der Vergangenheit – nicht über das wahre Ausmaß informiert hätten.

Der Wetterdienst gab den Höchstwert der atomaren Verstrahlung mit 1,78 Mikrosievert pro Stunde an. Der natürliche Wert im Raum von Sewerodwinsk liege bei 0,11 Mikrosievert. Die Umweltorganisation Greenpeace sprach unter Berufung auf die Stadt von 2,0 Mikrosievert pro Stunde. Deren Experten hielten den Wert "an sich für nicht dramatisch". Es komme vielmehr darauf an, welche strahlenden Stoffe freigesetzt worden sein. Dazu gebe es aber keine offiziellen Angaben.

Der Kreml versicherte, dass alle Behörden die vollständige Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet hätten. "Daran sollte kein Zweifel bestehen", sagte Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. Zu dem Vorfall kam es am vergangenen Donnerstag in der Nähe der Hafenstadt Sewerodwinsk nahe Archangelsk während eines Raketentests auf einer Plattform im Meer. Die Explosion ereignete sich der Atombehörde Rosatom zufolge, als Treibstoff in Brand geriet. US-Spezialisten vermuten, dass Russland an einem neuen Marschflugkörper mit nuklearem Antrieb arbeitet.

Die Gedenkveranstaltung in Sarow.
КАНАЛ-16. Телевидение Сарова

In der geschlossenen Stadt Sarow, wo Russlands Atomwaffen entwickelt werden, gedachte man am Montag der bei dem Test getöteten Wissenschafter. Alexej Likatschew, der Chef des Atomkonzerns Rosatom, hielt eine Ansprache, in der er die Verstorbenen als "Stolz Russlands" bezeichnete, dann wurden Salutschüsse abgefeuert.

"Die Fähigkeit, eine Großmacht zu sein, wird auch mit Opfern errungen", sagte laut "Spiegel" Regionalgouverneur Gleb Nikitin. In der 400 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Stadt wurden zwei Trauertage angeordnet. (red, APA, dpa, 13.8.2019)

Das Testgelände liegt zwei Kilometer nördlich der Dorfes Njonoxa.