Mit dem Begriff der "digitalen Transformation" und allen damit einhergehenden fieberhaften Maßnahmen in Firmen und Verwaltung haben wir in den letzten 18 Monaten den ehrlich ausgesprochenen Zenit unserer Fortschrittsgeschichte erreicht. Digitale Transformation heißt: alles digitalisieren. Alles umbauen. Alles neu machen. Und der Glaube steht im Raum: Wenn wir das tun, dann wird alles besser. Alles wird gut. Die Menschheit wird sich zufrieden nur noch den künstlerisch-intellektuell schönen Dingen widmen können. Man wird entspannte Gespräche in selbstfahrenden Autos führen, während diese sicher und unfallfrei dahinfahren. Unsere Fabriken werden fehlerfrei und reibungslos vor sich hinarbeiten. Sprachassistenten werden den Führungskräften schon im morgendlichen Fitnessstudio die erfreulichen Kennzahlen des Tages mitteilen. Und wenn wir etwas vergessen haben, können wir womöglich den eingepflanzten Wissenschip hinter dem Ohr abrufen, der uns alles sagt, was wir nicht wissen.

So in etwa sieht die Zukunft für diejenigen aus, die heute die digitale Transformation zu rechtfertigen suchen. Und für jene Investoren und Manager, die hier nicht mitmachen, wird die Zukunft verloren sein. Wer nicht alles neu macht, der hat verloren; der wird im digitalen Weltwettbewerb und binnen zehn Jahren untergehen.

Schlaraffenland, Singularity und Superintelligenz

Aber wie viel Wahres ist eigentlich an diesen Geschichten? Jeder, der in der digitalen Realität des Unternehmensalltags lebt, weiß, dass die Wirklichkeit der Digitalisierung vielschichtiger ist als die Versprechen der IT-Industrie. Fakt ist, dass Unternehmen seit über 30 Jahren eine digitale Transformation durchlaufen und diese Risiken und Nebenwirkungen mit sich gebracht hat: SAP-Systeme sind nicht immer komfortabel zu bedienen und konfrontieren so manchen Manager mit nicht wirklich verstandenen Zahlen. Oft weiß man in so mancher Bank nicht mehr, wie sich genau der Zinssatz errechnet, den man dem Kunden anbieten darf. Wie kam es zu dem Score des jungen Mannes, der um die Versicherung ansucht? Laut einer "Harvard Business Review"-Studie verbringen Wissensarbeiter heute rund 50 Prozent ihrer Zeit damit zu verstehen, was die Zahlen aus unseren digitalen Systemen überhaupt bedeuten. Und wenn die Kennzahlen dann endlich da und verständlich sind, dann ist immer noch die Frage offen, ob diese überhaupt stimmen. Denn alle softwarebasierten Systeme sind leider immer fehleranfällig, und die Datenpflege ist problematisch und teuer.

Automatische Systeme sind auch fehleranfällig. Unfälle mit selbstfahrenden Autos haben das gezeigt.
Foto: REUTERS/Esha Vaish

Vorteile? Nachteile?

Digitalisierung macht auch nur bis zu einem gewissen Grad Spaß. Dass man in einer Fertigungsanlage des Automobilbaus nicht mehr unter den Wagen kriechen muss, weil ein Roboter das übernimmt, ist sehr willkommen. Ebenso war es großartig, das stupide Eintippen von Formularen loszuwerden. Allerdings gibt es einen Punkt, wo der Computer anfängt, übergriffig zu werden. Mitarbeiter haben weniger Spielraum, autonom und flexibel Entscheidungen zu fällen oder zu improvisieren. Wenn die digitale Waage am Flughafen-Check-in etwa befiehlt, dass der Koffer bei 23,3 Kilo nicht mehr eingecheckt wird, stehen Stewards und Passagiere gleichermaßen entmündigt vor der Maschine und wünschten, dass es nicht notwendig wäre, in der überfüllten Abflughalle vor Publikum den Kofferinhalt in die Handtasche zu stopfen. Das Beispiel ist nur eines von vielen, wo wir Privatleute ebenso wie Firmenmitarbeiter an der Inflexibilität der digitalen Starre verzweifeln. Denn das Digitale ist nun einmal sehr viel starrer, bipolarer und in seiner Logik begrenzter als die Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Menschen.

Nimmt man die vielen Konfrontationen von uns mit fehlerhaften, unverständlichen und starren digitalen Maschinen zusammen, dann landet man in einer regelmäßig frustrierenden, freiheitsberaubten Welt. Und je mehr das Internet alles um uns herum in den Griff zu bekommen sucht, desto schlimmer wird das werden. Wie gesagt ist Digitalisierung bis zu einem gewissen Grad ein Segen. Aber dann kommt der Punkt, wo es einfach zu viel wird; wo die Autonomie des Einzelnen zu stark begrenzt ist. Und an diesem Punkt entsteht Frustration und Burnout. Das ist der Punkt, wo Digitalisierung nicht mehr Wertvolles erschafft, sondern Werte zerstört. Etwa den Wert des Wissens. Oder den Wert der Freiheit.

Ethics by Design für Fortschritt statt Rückschritt

Können wir unsere Maschinen und unsere zukünftige digitale Welt so bauen, dass wir die Nachteile, die uns durch Digitalisierung erwachsen, eindämmen und gleichzeitig Maschinen so bauen, dass sie unsere menschlichen Werte fördern? Sicherlich ist das denkbar. Durch eine sogenannte "Ethics by Design" beziehungsweise ein wertorientiertes Denken in Innovationsprozessen, können wir unsere Maschinen bewusst zum Vorteil und zum Guten unserer Gesellschaften planen und bauen. Das ist ein Prozess, wo wir vom einfachen "Design Thinking" in ein "Ethical Design Thinking" eintreten. Hier machen wir uns nicht mehr nur Gedanken darüber, wie man mit Digitalisierung Kosten sparen kann oder Effizienz steigert, sondern wie wir digitale Systeme auf Schönheit, Qualität, Freude und Bereicherung für den Menschen trimmen können.

Sophia Colombo

Allerdings gibt es eine Herausforderung bei dieser positiven Vision unserer Techniknutzung: Digitale Ethik durch Ethical Design Thinking ist wahrscheinlich oft teurer. Sie ist sicherlich langsamer in der Umsetzung. Digitale Ethik ist ein Bauen am Schönen mit Respekt für alle Stakeholder einer neuen Technologie. Damit bedeutet sie einen Verzicht auf das schnelle, agile und billige Zusammenbauen vorkonfigurierter Softwaremodule durch isolierte Ingenieursteams. Aber wer will schon mehr zahlen? Wer hat noch Zeit? Haben wir nicht schon lange die Wertschätzung für das Wahre, Gute und Schöne ins Märchen delegiert und uns stattdessen mit einer gehörigen Portion Zynismus den Kapitalmärkten unterworfen? Und vor allem: Schaffen wir nicht schon genug Fortschritt allein dadurch, dass wir digitalisieren? Reicht nicht der Schritt allein vom Analogen ins Digitale? Das kostet doch schon genug!

Unser Fortschrittsglaube ist historisch verwurzelt

Gerade diese letzten drei Fragen sind historisch tief verwurzelt. Denn seit dem 14. Jahrhundert hat unsere westlich zivilisierte Welt immer wieder erfahren, dass Fortschritt allein dadurch in die Welt kommt, dass wir Neues erfinden und dass wir altes Händisches automatisieren. Gerade unsere Eliten haben eine Art Automatismus erlernt, der da heißt "neu = gut" und "alt = schlecht" und auf die heutige Zeit übertragen bedeutet "digital = besser". Durch Schießpulver, Kanonen, Uhren und Maschinen sind viele reich geworden, und durch Waschmaschinen, Autos und fließendes Wasser geht es uns heute deutlich besser als früher. Europa hat mit seinen Erfindungen die Welt erobert. Aber gilt diese Logik für die Digitalisierung? Hat die Digitalisierung uns wirklich ein besseres Leben beschert, unsere Ökonomien und unsere Demokratien bereichert? Viele schauen dieser Tag auf das Ende der Medienindustrie, das Aussterben des Journalismus, die Hetze im Internet und die menschenleeren Fertigungsstraßen und Selbstbedienungskassen und fragen: Ist neu immer noch automatisch gut? Ist digital wirklich besser? Oder sind wir mit dieser Logik am Ende und müssen umdenken? (Sarah Spiekermann, 21.8.2019)