An Bord der Ocean Viking versuchen die Helfer, die Geretteten zu beschäftigen._Am Sonntag schnitten mehrere Männer anderen die Haare.

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Die Open Arms befindet sich noch immer in italienischem Gewässer. Sie darf aber nicht in den Hafen von Lampedusa einfahren.

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Seit dem Zweiten Weltkrieg waren global noch nie so viele Menschen auf der Flucht wie derzeit: 70 Millionen wollen Krieg, Gewalt und Verfolgung entkommen. Das teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR anlässlich des Welttags der humanitären Hilfe am Montag mit.

Nach 18 Tagen Anlege-Verbot ist die Lage auf dem Seenotrettungsschiff Open Arms weiterhin angespannt. Das Angebot, in Spanien anzulegen, schlug die NGO aus. Wegen der prekären Lage könne man nicht weitere drei Tage auf See unterwegs sein. Zum Artikel:
DER STANDARD

Die meisten von ihnen fliehen in die benachbarten Staaten, doch wird vor allem über jene berichtet, die es in die westlichen Länder schaffen wollen. Vor allem die Route über das Mittelmeer erhält von der europäischen Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit. Und dabei momentan besonders die Lage von 463 Menschen, die sich auf zwei privaten Hilfsschiffen vor Europas Küste befinden.

Vor Lampedusa

Bereits seit 18 Tagen ist die spanische NGO Proactiva Open Arms mit ihrem gleichnamigen Schiff im Mittelmeer unterwegs. Noch immer befinden sich 107 Gerettete an Bord, nachdem in den Tagen zuvor sukzessive medizinische Notfälle und minderjährige Migranten und Flüchtlinge in Malta und Italien an Land geholt wurden. Die Open Arms befindet sich noch immer in italienischem Hoheitsgewässer, in das sie auch erst einfahren durfte, nachdem ein Verwaltungsgericht das von der Regierung in Rom verfügte Verbot aufgehoben hatte.

Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega passte das gar nicht. Er kündigte an, alles zu tun, "um die italienischen Grenzen zu verteidigen". Doch mittlerweile bekommt er sogar in Person des parteilosen Premierministers Giuseppe Conte Gegenwind, der die Geretteten der beiden Schiffe in Italien an Land lassen will. Außerdem sind sechs EU-Staaten bereit, die Menschen der Open Arms aufzunehmen.

Spanien hat der Open Arms einen Hafen angeboten, darauf wartet die Ocean Viking noch.
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Drei Tage Reise verweigert

Spanien will nun seine Häfen für das Schiff öffnen und übt scharfe Kritik an Italien. Zuerst bot die Regierung in Madrid an, die Menschen in Algeciras an Land gehen zu lassen. Das lehnte die NGO ab, denn es würde mehrere Tage dauern, um mit dem Boot dorthin zu fahren. Auch Menorca – der nächste Vorschlag – war mit 900 Kilometern Entfernung noch zu weit für die Helfer. "Unser Schiff befindet sich 800 Meter von der Küste Lampedusas entfernt, und die EU-Staaten fordern von einer kleinen NGO wie uns, weitere drei Tage Reise mit schwieriger Wetterlage in Angriff zu nehmen", schreibt Open Arms auf Twitter: Man solle das Schiff in Lampedusa anlegen lassen und die Menschen per Flugzeug nach Spanien bringen. Italiens Innenminister schlug zuletzt vor, die Geretteten mit der Küstenwache nach Spanien zu bringen, wenn Madrid der Open Arms dafür sofort die spanische Flagge entzieht.

Bereits vor rund einem Jahr war ein Hilfsschiff dazu gezwungen gewesen, die tagelange Reise von der italienischen Küste nach Spanien auf sich zu nehmen. Die Aquarius – das ehemalige Schiff von SOS Méditerranée und MSF – hatte nach einer Woche vor Italien nach Valencia fahren müssen, weil Salvini die Häfen geschlossen hatte. Gemeinsam mit zwei Schiffen der italienischen Küstenwache waren so bei rauer See 630 Menschen nach Spanien gebracht worden.

Hatte damals auch noch die korsische Regionalregierung ihre Hilfe angeboten, hält man sich auf der französischen Insel nun im Streit um die Hilfsschiffe zurück.

Angespannte Lage auf Ocean Viking

Mit 356 Menschen befinden sich auf dem Nachfolgeschiff der Aquarius, der Ocean Viking, weniger Menschen als damals, doch ist das Boot auch kleiner. Deshalb wird auch die Lage auf ihr immer angespannter, während sie am Montag zwischen Malta und Italien liegt. "Wir mussten nun Wasser rationieren, da wir nicht wissen, wie lange wir noch auf hoher See sind", sagt Jay Berger, MSF-Einsatzleiter an Bord, zum STANDARD.

Die Ocean Viking befindet sich den zehnten Tag auf dem offenen Meer – ohne einen sicheren Ort zugewiesen bekommen zu haben. "Die libysche Seenotleitstelle hat angeboten, dass wir in Tripolis anlegen, aber das kommt nicht in frage", sagt Berger. Laut EU, dem UNHCR und Hilfsorganisationen gilt Libyen nicht als sicherer Ort, um dort eine Seenotrettung abzuschließen. Auch die Menschen an Bord, die sich zuvor in libyschen Lagern befunden haben, erzählen laut Berger von Folter und sexueller Gewalt in dem nordafrikanischen Land. Von den maltesischen Behörden hat die Ocean Viking zwei Absagen für die Zuweisung eines Hafens erhalten. Die italienische Stelle meldet sich laut Berger nicht. (Bianca Blei, 19.8.2019)