Eine Bürgerin des US-Bundesstaats Wyoming wollte morgens aus dem Haus gehen und musste feststellen, dass sie über Nacht "eingeschneit" worden war.
Foto: AP Photo/Michael Smith, Wyoming Tribune Eagle

So gut wie jeder kennt das Bild aus Wildwestfilmen: Kugelrunde vertrocknete Büsche, die von heulendem Wind vorangetrieben über den Boden rollen – ein malerisches Symbol für Geisterstädte und einsame Landschaften. Benennen könnten dieses vertraute Bild die meisten vermutlich aber nicht: Steppenläufer und Steppenhexe sind einige der deutschen Entsprechungen für das im Englischen geläufige Wort Tumbleweed.

Und die wenigsten ahnen, dass hinter diesem Sammelbegriff, der auf ganz verschiedene Spezies angewendet wird, in den meisten Fällen eine Pflanze steckt, die gar nicht in den Wilden Westen gehört – sondern schon eher nach Wien, Niederösterreich oder ins Burgenland. Im Osten Österreichs beginnt nämlich das natürliche Verbreitungsgebiet des Ruthenischen Salzkrauts (Kali tragus oder auch Salsola tragus), das bis nach Zentralasien vorkommt und auf Steppenlandschaften spezialisiert ist. Dazu gehört mittlerweile auch die nordamerikanische Prärie, wo es aber erst in den 1870er Jahren eingeschleppt wurde.

Steppenläufer können beachtliche Größen erreichen.
Foto: AP Photo/Los Angeles Daily News, David Crane

Das Phänomen, das hinter Steppenläufern steckt, nennt sich Chamaechorie und dient der Ausbreitung. Pflanzenteile oder sogar ganze Pflanzen lösen sich von ihren Wurzeln und lassen sich in annähernd abgestorbenem Zustand über den Boden wehen, um ihre Samen freizugeben, wenn sie auf fruchtbaren Boden rollen.

Während Salzkräuter bei uns aber relativ unauffällige Erscheinungen sind, haben sie sich in den amerikanischen Prärien zu Invasoren entwickelt. Kali tragus und einige nahe Verwandte sind eine Plage in der Landwirtschaft und können zu Verkehrsunfällen führen, wenn sie auf Highways geweht werden. Vor allem aber verursachen sie Kosten in Millionenhöhe, wenn sie vom Wind in großen Mengen an einem Ort abgesetzt werden. Im vergangenen Jahr beispielsweise ertrank die kalifornische Stadt Victorville geradezu in Tumbleweed: Die herbeigewehten Steppenläufer türmten sich an manchen Häusern bis zum ersten Stock.

Bei größeren Ansammlungen muss mitunter sogar das Militär zur Entsorgung ausrücken – wie hier in New Mexico.
Foto: U.S. Air Force/Senior Airman Ericka Engblom

In 48 US-Bundesstaaten sind die Salzkräuter bereits als Bioinvasoren gelistet – und nun haben sie noch einmal aufgerüstet. Aus den beiden nah verwandten Arten Salsola tragus und Salsola australis hat sich ein Hybrid entwickelt, der seine Elternspezies noch übertrifft. Das "Monster-Tumbleweed", wie die University of California die neue Spezies Salsola ryanii nennt, kann an die zwei Meter groß werden.

Möglich ist das der Pflanze durch Polyploidie, wie das Team um den Genetiker Norman Ellstrand im Fachjournal "AoB Plants" berichtet. Dabei erhält ein Organismus von seinen Eltern je zwei Chromosomensätze und weist dementsprechend dann vier auf. Das kann später auch noch weiter gehen – Weizen beispielsweise hat sechs.

Bei Pflanzen ist Polyploidie weit verbreitet und mündet oft ins Ergebnis, dass solche Nachkommen stärkeres Wachstum aufweisen als die Eltern. So ist es laut Ellstrands Team auch beim "Monster-Tumbleweed" der Fall. Noch sei dieses auf ein relativ kleines Gebiet beschränkt, doch zeige die neue Pflanze schon jetzt einen klaren Expansionsdrang. (jdo, 1. 9. 2019)