Innsbruck – Die Esche ist keine Alternative zur Fichte, so viel steht fest. Vor 20 Jahren noch dachten die Forstwirte, dass die Esche in einem gesunden Mischwald eine gute Ergänzung sein könnte. Aber dann kam ein aus Asien eingeschleppter Pilz – er hat auch jenen jungen Baum befallen, der da mit dürren, entlaubten Zweigen in dem Wäldchen östlich von Kufstein steht. "Die Esche verlieren wir aus dem Spektrum, und auch die Ulmen werden von Pilzen befallen", sagt Hans-Peter Schroll von der Forst direktion und stapft weiter. Da steht ein Nussbaum, "die kommen wegen der Erwärmung jetzt mehr, aber die sind kein Geschäft".

Um das Jahr 1900 galt die scheinbar anspruchslose Fichte als ideale Pflanze für die heimischen Wälder. doch mit dem wärmeren Klima kommt der Nadelbaum nicht zurecht. In Zukunft wird man in Österreich wohl nur noch über 1000 Meter Seehöhe Fichtenwälder finden.
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Forstwirtschaft muss sich letztlich rechnen

Womit abgesteckt ist, worum es in der Forstwirtschaft geht: Es sollen nachhaltig stabile Wälder aufgebaut werden – und diese Stabilität soll sich für die Waldbesitzer irgendwann rechnen. Dieses "Irgendwann" liegt je nach Baumart bei 80, 120, vielleicht auch 140 Jahren: Auf ziemlich genau einem Zehntel der heimischen Waldfläche sind die Bestände älter als 120 Jahre. Als diese Wälder nach der intensiven Nutzung in den Jahrzehnten der Industrialisierung aufgeforstet wurden, ging man planmäßig vor: So um das Jahr 1900 galt als wissenschaftlich gesichert, dass die Fichte das am besten zu vermarktende Holz liefern würde – die Nadelbäume zeigen bei entsprechendem Klima einen guten Zuwachs, sie halten speziell in Hanglagen gut dem Schneedruck stand und eignen sich daher auch gut zum Aufbau von Schutzwäldern.

Die mitteleuropäischen Waldbesitzer hatten ihren "Brotbaum" gefunden: Über die Jahrzehnte wurden die scheinbar anspruchslosen Bäume gezielt gepflanzt – 49,2 Prozent der Waldfläche, 1.646.000 Hektar, sind heute Fichtenwald. Beim Holzvorrat, also der in den Wäldern stehenden Biomasse, macht die Fichte sogar 60,4 Prozent aus.

Aber die Fichte wächst nicht mehr so, wie sie soll.

Eigentlich schon länger nicht mehr. Wirklich aufgefallen ist das in den späten 1970er-Jahren: Schwefel aus Heizöl und Diesel sowie Stickoxide aus allen möglichen Verbrennungsprozessen machten dem österreichischen Wald – der, wie gesagt, vor allem ein Fichtenwald ist – schwer zu schaffen. Saurer Regen (Schwefel dioxid verbindet sich mit Regenwasser zu schwefliger Säure) und das von diesem ausgelöste Waldsterben wurden zu Alltagsbegriffen – ihre Bekämpfung durch strenge Anforderungen an Raffinerien und an Autohersteller wurde zu einem umweltpolitischen Erfolg.

"Der Wald atmet auf", frohlockten die Umweltschützer in den 1980er-Jahren – nicht ohne auf weitere Bedrohungen hinzuweisen. Denn schon damals zeigte sich, dass die Fichtenmonokulturen erhebliche Nachteile mit sich bringen: Die Fichten können als Flachwurzler etwa einem starken Sturm wenig entgegensetzen. Und sie kommen auch immer weniger mit den veränderten klimatischen Bedingungen zurecht.

Gefragt ist Resilienz gegenüber Trockenheit

"Waldsterben 2.0" nennt es Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Kuratorium Wald. Heute stirbt der Wald anders als zur Zeit des sauren Regens. Im Waldviertel, Heilingbrunners engerer Heimat, richtet gerade der Buchdrucker waldverwüstende Schäden an. Beim Buchdrucker handelt es sich um einen Borkenkäfer, der sich vor allem bei warmer Witterung und in trockenem Holz besonders wohlfühlt. Ein Gutteil der Niederschläge entfällt nunmehr auf die Vegetationsruhe im Winter, die zunehmende Trockenheit im Sommer stellt für die Fichtenbestände eine besondere Herausforderung dar.

Die Bäume verdursten. Konkret rechnet man allein im Waldviertel derzeit mit 15.000 Hektar Forst, der durch Klimawandel und dem durch die Trockenheit begünstigten Schädlingsbefall geschädigt ist. Die Waldbauern müssen derzeit teilweise 40-jährige Bestände schlägern, die eigentlich erst von den nachkommenden Generationen genutzt werden sollten.

Was bleibt vom Waldviertel ohne den Wald?

"Schäden wie in Niederösterreich kann ich Ihnen nicht zeigen", sagt der Tiroler Schroll – man hat den Eindruck, dass ihm beinahe ein "leider" heraus gerutscht wäre. Denn was er vorführt, ist eben kein spektakuläres Waldsterben, nichts was mediale Sensationsgier befriedigen würde.

Wohl gibt es im Bezirk Kufstein auch massive Waldschäden – erst Ende Juli hat ein Unwetter einen Schutzwald in der Gemeinde Ebbs binnen Minuten umgeworfen. Schroll zeigt, wie zügig die geknickten Stämme weggeräumt werden, er bemüht auch die Statistik, der zufolge im Bezirk mit 50.000 Festmetern Schadholz gerechnet werden muss – was zulasten der üblicherweise 140.000 Festmeter regulären Einschlags geht. Und zulasten der Preise: Angesichts des Überangebots sind die Holzpreise verfallen.

Schroll lenkt seinen Dienstwagen in ein Revier in der Gemeinde Münster, in einen Forst, der nach schweren Rauchgasschäden in den 1990er-Jahren ein Bild vom Umbau des Waldes vermittelt, wie er in den nächsten Jahren in vielen bewaldeten Gegenden wird stattfinden müssen. Bevorzugt sollen dort Bäume wachsen, die auch in Trockenperioden resilient sind – und die Stürmen standhalten. Ersteres erwartet man von Laubbäumen wie Buche und Ahorn, aber die Laubgehölze allein können der Schutzwaldfunktion nicht gerecht werden. Da müssen die Tanne (derzeit 2,5 Prozent der österreichischen Waldfläche) und die wegen ihrer herzförmigen Wurzeln als besonders sturmstabil geltende Lärche (derzeit 4,4 Prozent) ran.

Baumstämme in Plastik verpackt

In dem Wald, durch den Schroll führt, fällt vor allem eines auf: Links und rechts des Weges sind große Flächen eingezäunt – und wo keine Zäune stehen, sind die jungen Baumstämme häufig mit Plastikteilen verkleidet. Das sieht nicht schön aus – ist aber notwendig. Denn gerade jene Baumarten, auf die die Forstwirte für die kommenden 100 Jahre setzen, schmecken dem Wild besonders gut.

Auf die Douglasie, eine aus dem pazifischen Nordwesten der USA stammende Baumart, setzt die europäische Forstwirtschaft besondere Hoffnung, vor allem in mittleren Höhenlagen. Aber ohne besondere Schutzmaßnahmen hat die Douglasie ebenso wie die verwandte Tanne kaum Chancen, aufzukommen: "Wenn man hier die Tanne reinsetzt, ist die gleich weg", sagt Schroll über das Revier in Münster, in dem seit 1999 rund 99.000 Forstpflanzen gesetzt worden sind: "Wir brauchen bei der Umwandlung des Waldes die Grundeigentümer und die Hilfe der Jagd."

Wild aus dem Wald aussperren – oder abschießen

Denn auch das gehört zur Forstökologie: Die Einnahmen aus der Wildbewirtschaftung (sprich: Trophäenjagd) sind oft lukrativer als die arbeits intensive Waldbewirtschaftung und die vom stark fluktuierenden Holzpreis abhängigen Einnahmen.

Um den Umbau des Waldes zu ermöglichen, müssten die Wildbestände drastisch reduziert werden, fordert das Kuratorium Wald: Heilingbrunner nennt eine 30-prozentige Reduktion des Rotwilds als Zielgröße. Zudem sollte seiner Meinung nach im Forstgesetz ein generelles Fütterungsverbot mit Rüben, Mais und Kraftfutter festgeschrieben werden. "Das Füttern der Wildtiere sollte per Gesetz auf Heu reduziert werden", lautet eines der ökologischen Rezepte. Das "Auflichten" der häufig sehr dichten Fichtenbestände durch vorzeitige Nutzung einzelner Stämme würde ein Übriges tun: In den Lücken hätten von Wind und Vögeln auf natürliche Weise eingebrachte Samen von Laubhölzern eine Chance, den Wald zu verjüngen und zu durchmischen.

Und was wird aus den Fichten? In Hochgebirgslagen über 1000 Metern wird es auch in Zukunft noch Fichtenbestände geben, dort wäre ihr natürliches Vorkommen, sagen die Forstleute. Aber insgesamt werden die Wälder, die unsere Enkel kennenlernen werden, ganz anders aussehen als jene, in denen unsereins wandern geht. (Conrad Seidl, 30.8.2019)