Afghanische Sicherheitskräfte konnten Kunduz wieder unter ihre Kontrolle bringen. Wenig später folgte allerdings ein Angriff auf Pul-e Khumri.

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Kunduz – Nur einen Tag nach ihrem Überfall auf die nordafghanische Stadt Kunduz haben die radikalislamischen Taliban die Provinzhauptstadt Pul-e Khumri angegriffen. Mehreren Provinzräten zufolge begann der Angriff gegen ein Uhr nachts. Die Taliban hätten die Gebiete Band-e Du und Saman Khel in der Stadt eingenommen. Die Kämpfer hätten sich in Häusern verschanzt und lieferten sich nun Gefechte mit den Sicherheitskräften. Es gebe Tote und Verletzte, allerdings sei die Zahl unklar.

Provinzrat Hayatullah Wafa sagte am Sonntag, noch seien keine Nachschubkräfte in Pul-e Khumri eingetroffen. An einem Kontrollposten in der Stadt kämpften rund 30 bis 40 Polizisten gegen den Taliban-Ansturm an. Sollte die Regierung in Kabul nicht handeln, erwarte er eine "Katastrophe".

Keine Offensive

Ein Sprecher des Innenministeriums teilte mit, es handle sich um keine Offensive der Taliban. Angreifer seien lediglich in zwei Gebieten der Stadt. Sicherheitskräfte hätten die Taliban-Kämpfer umzingelt.

Pul-e Khumri ist die Hauptstadt der Provinz Baghlan. In der Provinz hat sich in den vergangenen Monaten die Sicherheitslage zunehmend verschlechtert. Auch in Pul-e Khumri selbst gab es in diesem Jahr bereits mehrmals Gefechte mit Taliban. In vielen Gebieten rund um die Stadt haben die Islamisten eine starke Präsenz.

In der am Samstag von Hunderten Taliban-Kämpfern überfallenen nördlichen Stadt Kunduz hat sich die Lage nach Behördenangaben am Sonntag wieder beruhigt. Der Abgeordnete Allah Nasar Turkmani aus Kunduz sagte am Sonntag, die Taliban hätten sich über Nacht zurückgezogen. Es gebe keine Kämpfe mehr, Geschäfte seien wieder geöffnet. Mehrere Hundert Taliban-Kämpfer hatten die Stadt in der Nacht auf Samstag aus mehreren Richtungen angegriffen. Sie konnten mehrere Einrichtungen und Gebiete kurzzeitig einnehmen.

Dutzende Tote

Nach Angaben des Innenministeriums vom Sonntag wurden bei den Kämpfen um Kunduz und einem Selbstmordanschlag am Samstagabend im Zentrum der Stadt mindestens 25 Menschen getötet. 20 der Getöteten seien Sicherheitskräfte und fünf Zivilisten. Weitere mindestens 85 Zivilisten und Sicherheitskräfte seien verletzt worden.

Die Angriffe auf beide Städte erfolgen inmitten laufender Bemühungen, den fast 18 Jahre dauernden Konflikt politisch beizulegen. Seit mehr als einem Jahr führen die USA mit Vertretern der Taliban direkte Gespräche. Dabei geht es vor allem um Truppenabzüge sowie Garantien der Taliban, dass Afghanistan kein sicherer Hafen für Terroristen wird.

Die Gespräche sollen zu innerafghanischen Friedensgesprächen führen. Bisher hatten sich die Taliban geweigert, direkt mit der Regierung in Kabul zu sprechen, die sie als Marionette des Westens betrachten. Auch ein Waffenstillstand soll Thema sein.

Abkommen steht offenbar kurz bevor

Nach Angaben beider Seiten endete die jüngste Gesprächsrunde am Sonntag. US-Chefunterhändler Khalilzad erklärte, man stehe kurz vor einer Übereinkunft. Er wollte am Sonntag nach Kabul reisen. Es wurde erwartet, dass er die afghanische Regierung über den Verhandlungsstand informiert.

Auch die Taliban zeigten sich optimistisch. Der Sprecher des politischen Büros der Taliban in Doha, Suhail Shaheen (Shahin), schrieb auf Twitter, man stehe kurz vor dem "Ende der Besatzung" und vor einer friedlichen Lösung. (APA, red, 1.9.2019)