DER STANDARD war in Vösendorf mit der Kamera dabei.
DER STANDARD

Wenn Braco, der Kroate mit der besonderen Gabe, auf der Bühne steht, dann schaut er. Wenige Minuten dauert sein "gebender" Blick, zehn Euro pro Person kassiert der Veranstalter dafür. Es ist ein simples, aber lukratives Konzept. Und es kommt an.

Vladimir trägt einen Man Bun, ein lockeres Hemd und sieht aus wie aus dem Insta-Post geschnitten. Er war als Musiker den ganzen Sommer auf einem Kreuzfahrtschiff. In die Eventpyramide Vösendorf kommt der junge Kroate nur mit einer Erwartung: zu fühlen. "Ich glaube an Energie", sagt er, "und ich fühle, jetzt ist der Moment, Braco zu treffen."

Die junge Slowakin Naďa steht ein paar Schritte weiter, sie hat größere Absichten. Sie will, dass der Tumor ihrer Mutter durch Bracos Blick geheilt wird. Deswegen hat sie ein Foto von ihr dabei, Bracos Blick wirkt auch darauf, glaubt sie. Wenn sie später mit 150 anderen Leuten in den Saal darf, in dem Braco auf die Bühne gehen wird, wird sie ganz fest an ihre Mutter denken, sagt sie.

Braco vor seinen Anhängern. "Er versprüht die Energie von Jesus Christus", wird eine nach der Begegnung sagen.
Foto: Helmut Mitter

Braco spricht nicht

Braco selbst würde nie sagen, dass er heilen kann. Erstens, weil er bei seinen Begegnungen nicht mehr spricht, seit er 2004 in Banja Luka bei der Begegnung mit 7.600 Menschen 36 Stunden durchgearbeitet hat, das war erschöpfend. Und zweitens, weil jemand, der ärztliche Tätigkeiten ohne ärztliche Ausbildung ausübt, als Kurpfuscher gilt – das steht in Österreich mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Monaten oder einer Geldstrafe von bis zu 180 Tagessätzen unter Strafe.

Was er kann, das kann der Kroate Braco, 52, mit bürgerlichem Namen heißt er Josip Grbavac, seit 1995, nach dem Tod seines Lehrmeisters soll er seine Gabe entdeckt haben. Heute tourt er mit seinem Blick durch die Welt, nicht nur nach Vösendorf, auch nach Russland, in die USA oder nach Australien. Wohin er kommt, so wird es propagiert, bringt er Frieden hin. Ein Tag, an dem sein Blick auf Videowänden in New York ausgestrahlt wurde, soll als einzigartiger Tag ohne registrierte Gewaltkriminalität in die Geschichte eingegangen sein.

Bracos Blick ist regelmäßig auch via Livestream zu verfolgen.
Foto: Braco

"Die Liebe von Jesus Christus"

In Vösendorf drängen sich kurz vor zehn Uhr ein paar Dutzend Menschen um weiße Stehtische, sie kommen aus Österreich oder der Slowakei, aus Kroatien und Polen. Viele sind weiblich, viele um die fünfzig. Grüppchenweise nach Nummern sortiert, dürfen sie den Saal betreten. Dort drinnen riecht es nach Räucherstäbchen, auch sonst erinnert die Szenerie an eine Kirche: Ein roter Teppich dämpft das Gemurmel, vor den Sitzreihen ist ein weißes Podest aufgebaut, es wird nicht Altar genannt, sieht aber wie einer aus und ist geschmückt mit weißen Blumen. Besucher erzählen, dass sie "die Liebe von Jesus Christus" in Bracos Blick spüren.

Gut 150 Leute haben Platz, und kein Platz bleibt leer. Jede Session beginnt mit einer Aufwärmphase, in der erst das Mikro im Publikum herumgereicht wird, erzählt wird, wie Braco von Asthma befreit und Kraft gegeben hat. Es folgt ein Trailer von Bracos Film, Naomi Campbell erscheint auf der Leinwand und spricht darüber, wie sehr sie der Film berührt hat.

Eine Moderatorin eröffnet die Begegnung – und lässt Menschen von ihrer wundersamen Heilung erzählen.
Foto: Helmut Mitter

Nach der Werbeeinschaltung geht das Licht wieder an, die 150 Anhänger müssen sich erheben. Im hinteren Eck sitzt ein Sanitäter. Viel passiere hier nicht, hie und da ein Kollaps oder "dass jemand psychisch sehr berührt ist", wird er später erzählen.

Bracos Blick

Eine sanfte Melodie setzt ein, links von der Bühne kommt Braco aus der Tür, weißes Hemd, grüne Leinenhose, lange Haare, aufrechter Gang. Er steigt auf den Altar, der keiner ist, und dreht sich zum Publikum. Und schaut. Drei Minuten und 47 Sekunden lang – bis er wieder von der Bühne stiegt und den Raum verlässt.

In diesen drei Minuten und 47 Sekunden haben mehrere Menschen geweint, einige haben gezittert, und viele sind gewankt. Manche haben Fotos vor ihre Brust gehalten, andere ihre Augen geschlossen. Zwei haben, das stellt die Moderatorin später per Handzeichen fest, Lebensfreude gespürt. Was Braco in diesen drei Minuten und 47 Sekunden denkt, weiß man nicht.

Was man weiß: Für die sieben Sessions wurden laut Veranstalterin insgesamt 711 Tickets verkauft, das macht in Summe 7.110 Euro Eintritt für einen Tag in Vösendorf aus. Plus Erlös durch Bücher, DVDs und Schmuck, die angeboten werden. Bracos Sonnensymbol in Kettenform soll aus 14-Karat-Gold und handgemacht sein.

Ein Arzt und ein ehemaliger Fan

Die Eintrittsgelder, sagt Berit Manninger, sie organisiert die Veranstaltungen in Wien, würden nur die Kosten decken: Saalmiete, Verköstigungen der ehrenamtlichen Mitarbeiter, Transport und Hotel für Braco selbst. Mit dem Erlös von den Merchandise-Produkten habe sie als Veranstalterin nichts zu tun.

Bracos Sprecher, Matthias Kamp, sagt, Braco reise nur auf Einladung. "Dann werden Angebote geprüft. Braco nimmt die an, wo am meisten Menschen kommen, denn er hat sein Leben danach ausgerichtet, das zu teilen, wenn Interesse besteht." Er sagt aber auch, das "Ärztliche" sei separat, Heilung sei nicht der Fokus, es gehe nur darum, das Leben zu verbessern. "Es kann ja jeder überprüfen: Wenn er sich gut fühlt, macht er weiter, ansonsten nimmt er was anderes", sagt Kamp.

Manninger und Kamp sind jeder für sich spannende Charaktere: Manninger, weil sie in einer ATV-Reportage aus dem Jahr 2012 selbst ausführlich als Besucherin zu Wort gekommen ist und nun die Events organisiert. Und Kamp, weil er, so sagt er, innerer Mediziner in einem Krankenhaus in Bayern ist. "Braco passt nicht in wissenschaftliche Schubladen", sagt er. Dennoch erzählt er nach der Session ausgiebig von chronischen Leiden, die nach Bracos Blick einfach weg gewesen seien.

Wunder sind rechtlich geschützt

Rechtlich ist das nur unzureichend reguliert, sagt Gottfried Zeller, Jurist der niederösterreichischen Ärztekammer. Prinzipiell sind zwar gewisse Heilbehandlungen nur Ärzten vorbehalten, doch wenn Handlungen nicht einmal "ein Mindestmaß an Rationalität aufweisen", wären sie vom Ärztevorbehalt nicht betroffen. "Wir sind nicht glücklich mit der Situation, weil die, die am schamlosesten vorgehen, die die irrationalsten Theorien verkaufen, noch eher geschützt sind als jene, die noch ein annähernd schulmedizinisches Verhalten an den Tag legen", sagt Zeller.

Menschen, die nach der Begegnung mit Braco den Raum verlassen, reiben sich die Augen, schütteln den Kopf, lächeln beseelt oder fassen sich ans Herz. Elfi und Sarah zum Beispiel erzählen beide, dass sie seine Aura sehen konnten. Sarah ist zum dritten Mal dabei, einmal hatte sie ein Foto von der Tochter einer Kollegin dabei, die lag damals auf der Intensivstation. Eine Woche danach kam sie heim, heute ist sie gesund, sagt Sarah.

Zwei Frauen fallen auf, sie lassen ihre Schultern hängen. Die ältere der beiden, Brigitta, geht am Stock. Zu Hause, wenn sie eine DVD ansehe, da spüre sie mehr, sagt sie. Ihre Tochter Kristina hat sie begleitet. Sie sagt: "Ich habe nichts gespürt, nur den goldenen Ring gesehen, den er trug." Und Vladimir, der junge Musiker vom Kreuzfahrtschiff? Der hat nur ein Wort für die Erfahrung: "Großartig." Wenn das Leben ihn herführt, sagt er, wird er wiederkommen. (Gabriele Scherndl, 2.9.2019)