Gab sich geschlagen: Saeid Mollaei.

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Matthias Casse ist gewiss ein starker Judoka. Eine Medaille bei der WM in Tokio war dem Europameister der Klasse bis 81 Kilogramm zuzutrauen, nicht unbedingt aber der Halbfinalsieg gegen Saeid Mollaei. Und doch unterlag der iranische Titelverteidiger dem Belgier am vergangenen Mittwoch im Nippon Budokan vorzeitig. Bronze gab Mollaei ohne größere Aktivität an den Georgier Luka Maisuradze ab.

Mollaeis Thron erklomm wiederum der Israeli Sagi Muki, der Casse im Finale keine Chance ließ. Das erste Judogold für Israel war besonders akklamiert worden, hatte doch der Ägypter Mohammed Abdelaal nach seiner Halbfinalniederlage Muki den Handschlag verweigert.

Judo

In diese Verlegenheit hätte Mollaei gar nicht kommen können. Er war nach eigenen Angaben von iranischen Sportfunktionären aufgefordert und dahingehend unter Druck gesetzt worden, die Halbfinalniederlage gegen Casse in Kauf zu nehmen, um einem möglichen Treffen mit Muki auszuweichen. Ja, nicht einmal auf dem Podest neben dem Israeli sollte er als Bronzemedaillengewinner stehen. Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees des Iran und der Vizesportminister hätten ihn telefonisch aufgefordert, nicht um die Siege zu kämpfen – allerdings möglichst unauffällig.

Asylantrag in Deutschland

Der 27-Jährige aus Teheran tat wie ihm offenbar unter expliziten Drohungen gegen seine Familie geheißen, vertraute sich aber vor Ort dem Präsidenten des internationalen Judoverbandes, Marius Vizer, an. Der in Rumänien geborene Österreicher verriet der japanischen Zeitung Asahi Shimbun, dass Mollaei nicht in den Iran zurückgekehrt, sondern nach Berlin gereist sei, um Asyl zu beantragen. "Ich hatte ein deutsches Visum, und ich bin in Deutschland", sagte Mollaei dem in London ansässigen TV-Sender Iran International. Er habe "zu hart trainiert", um eine Niederlage zu inszenieren. Auf Youtube erschien ein vom Athleten kommentiertes Video. In diesem bedankt sich Mollaei für Vizers Unterstützung.

Der 60-jährige Verbandspräsident habe ihm versprochen, den Start bei den Olympischen Spielen im Sommer 2020 zu ermöglichen – etwa als Mitglied eines Refugee Olympic Teams, wie es erstmals 2016 in Rio de Janeiro am Start war. In Brasilien waren zehn Frauen und Männer, allesamt anerkannte Flüchtlinge, dabei.

Verfahren eingeleitet

Während das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Fall Mollaei bisher nicht kommentieren wollte, sagte Vizer dem STANDARD, dass der Judoweltverband ein Verfahren gegen den iranischen Fachverband einleiten werde. "Wir werden gemäß unseren Regeln, den Grundsätzen des Judo und der olympischen Charta handeln." Es sei die Aufgabe des Weltverbandes, die Sportler zu schützen. Dieser Satz bezog sich wohl auf erste iranische Reaktionen. Judo-Chefcoach Majed Zarian mutmaßte, dass Mollaei im Iran Unterstützung für seinen Plan, sich abzusetzen, gehabt habe.

Die Zahl der Fälle, in denen israelische Sportler diskriminiert und öffentlich brüskiert werden, hat in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Vor den Spielen in Rio hatte sich die libanesische Delegation geweigert, gemeinsam mit israelischen Sportlern in einem Bus zur Eröffnungsfeier zu fahren. Das IOC reagierte windelweich. Dass im Judoturnier ein Ägypter seinem israelischen Bezwinger den Handschlag verweigerte, war den Olympiern eine Verwarnung wegen Unsportlichkeit wert.

Auffallend lang ist die Liste iranischer Sportler, die sich außerstande sahen, gegen israelische Sportler anzutreten. Dass der Iran den Staat Israel nicht anerkennt, wird nur selten als Grund angegeben. Gegen die Bevormundung durch ihre Funktionäre stellen sich Sportler aus nachvollziehbaren Gründen kaum. Bei der Junioren-WM der Ringer 2017 in Polen beklagte Goldanwärter Ali-Resa Karimi eine mitten im Kampf von seinem Trainer befohlene Niederlage, um einem Israeli auszuweichen. Karimi forderte öffentlich die Geldprämie in Höhe von umgerechnet 16.000 Euro, die ihm für Gold zugestanden wäre. Der internationale Verband sperrte ihn für sechs Monate. (Philip Bauer, Sigi Lützow, 2.9.2019)