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22 Jahre nachdem China wieder die Kontrolle über die ehemalige britische Kolonie Hongkong übernommen hat, rumort es wieder auf der dicht besiedelten Halbinsel. Fünf Jahre nach den Studentenprotesten von 2014 ziehen immer wieder Menschen auf die Straßen, um gegen ein umstrittenes Auslieferungsgesetz und den generell steigenden Einfluss der Regierung in Peking zu demonstrieren. Neben Großteils friedlichen Kundgebungen kommt es dabei laut Berichten immer wieder zu Zerstörungen und Polizeigewalt. Die chinesische Regierung erwägt mittlerweile den Einsatz des Militärs.

Um sich der Staatsmacht zu entziehen finden die Demonstranten auch verschiedene Wege, sich der alltäglichen elektronischen Überwachung zu entziehen. Neben unüblichen Wegen zur Selbstorganisation kommen dabei zum Teil auch überraschend einfache Mittel zum Einsatz, berichtet Heise ausführlich.

Mit Lasern gegen Laternen

"Smarte" Straßenlampen sind Teil des Überwachungssystems, mit dem des über Kameraaufnahmen möglich ist, Teilnehmer zu identifizieren und gegebenenfalls abseits Demonstrationen von den Behörden belangen zu lassen. Teilweise werden diese von Demonstranten schlicht umgeschnitten oder anderweitig beschädigt, viele allerdings greifen zu Laserpointern, um sie zu "blenden". Gang und Gebe ist natürlich auch verhüllende Kleidung. Der bekannte Autor William Gibson sieht in den Szenen in Hongkong eine reale Episode des "Cyberpunk"-Genres, in dem Überwachung auch oft ein allgegenwärtiges Thema ist.

Viele der Demonstranten haben mittlerweile auch biometrische Bildschirmsperren – etwa Fingerabdruck oder Gesichtserkennung – bei ihren Handys deaktiviert. Hintergrund ist, dass es immer wieder zu Fällen kommen soll, wo Polizisten versuchen, die Geräte unter dem Einsatz körperlicher Gewalt entsperren zu lassen.

Demo-Organisation via Tinder

Mitunter soll es auch zu Angriffen durch chinesische Mafiamitglieder auf Demonstranten kommen, wobei die Polizei diese weitgehend gewähren lassen soll. Das hat dazu beigetragen, dass Demonstrationen möglichst spontan und dezentral organisiert werden. Statt gängiger Messenger findet man dafür Umwege, etwa über das Augmented-Reality-Game Pokémon Go oder die Dating-App Tinder. Flugblätter an Besucher in der Stadt verbreitet man unter anderem digital über Apples Airdrop. Damit will man auch die Propaganda der chinesischen Staatsmedien kontern, in denen die Demonstranten primär als Chaosstifter dargestellt oder ignoriert werden.

Zum Standard-Equipment gehört freilich auch das Anonymisierungsnetzwerk Tor, mit dem man digitale Kommunikation anonym abzuwickeln versucht. Auch eigene Apps hat man entwickelt, etwa für eine Datenbank über Zivilpolizisten.

Bargeld-Comeback

Im Lichte der Überwachung feiert auch das Bargeld eine Renaissance. Gerade in Sachen Fortbewegung in den öffentlichen Verkehrsmitteln zahlt man bevorzugt mit klassischem Währungsformat, statt gängige Bezahlapps oder die Öffi-Prepaidkarte "Octopus Card" zu verwenden.

Bislang weitgehend unbeeinträchtigt geblieben ist die Möglichkeit des freien Internetzugangs in Hongkong. Die Hongkonger Provider warnen in einem Brief Peking auch davor, hier Maßnahmen zu setzen, da es ohnehin kaum möglich sei, diverse Dienste gezielt zu blocken. Auch die Ausweitung der "großen Firewall" auf die Halbinsel lehnen sie ab – nicht zuletzt, weil dies Hongkongs Status als Finanzmetropole gefährden würde.

Situation weiter angespannt

Aussicht auf Beruhigung der Lage gibt es kaum. Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam hat den Beschluss eines umstrittenen Auslieferungsgesetzes, an dem sich die Proteste unter anderem entzündet haben, zwar auf Eis gelegt, es aber nicht zurückgenommen. Zu diesem Entgegenkommen wäre sie laut Berichten bereit gewesen, dies wurde von der Regierung in Peking allerdings ebenso abgelehnt, wie schon zuvor ihr Rücktrittsangebot. (red, 02.09.2019)