Donald Trump und Xi Jinping: Das Kräftemessen dauert nun schon über Monate. Wer geht als Erster in die Knie?

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Pekings halbstündige Morgensendung im Staatsrundfunk, die wichtigste amtliche Nachrichtensendung des Landes, begann am Montag mit viel Lob für die Stabilität der Wirtschaft, die qualitativ immer besser wachse. Erst am Ende ging die Sendung auf die am Sonntag von den USA angeordnete Erhöhung neuer Strafzölle von 15 Prozent auf weitere China-Importe im Wert von 125 Milliarden US-Dollar ein.

Auf die Eskalation antwortete Peking mit einem Vergeltungsaufschlag von fünf bis zehn Prozent auf seine Importe aus den USA in Höhe von 75 Milliarden Dollar. Die Staatsnachrichten meldeten, dass in den USA immer mehr Kritik an den Zollstrafen des Präsidenten Donald Trump laut werde. Sie lobten US-Unternehmen, die nicht daran denken, sich aus ihrem China-Geschäft zurückzuziehen, wie Trump es gerne wollte.

Grotesker Streit

Nichts und niemand könnte China im Handelskrieg in die Knie zwingen, lautete die eigentliche Botschaft. In Peking wird einen Monat vor den Gründungsfeiern für 70 Jahre Volksrepublik am 1. Oktober Zuversicht über die Stärke des Landes verbreitet, selbst wenn es die Außenwelt anders sieht. Das spiegelten die Börsenkurse am Montag wider. Während asiatische Aktienmärkte wegen der neuen Eskalation im Handelskrieg um bis zu mehr als einen halben Prozentpunkt nachgaben, stiegen die Kurse an Chinas Börsen, in Schanghai um 1,3 Prozent, in Shenzhen um fast 2,2 Prozent.

Zwischen den USA und China verhärtet sich der groteske Streit, wer der größte Leidtragende ihres seit einem Jahr geführten Handelskriegs ist. Keiner scheint ernsthaft nach einer Verhandlungslösung zu suchen. Es geht offenbar darum, wer als Erster nachgibt. Die USA planen, noch mehr Druck mit ihrer nächsten Zollerhöhung am 15. Dezember zu machen. Dann hätten sie auf alle ihrer Warenimporte aus China im jährlichen Wert von mehr als 500 Milliarden Dollar Sonderzölle von bis zu 25 Prozent aufgeschlagen. China, das im beiderseitigen Handel nur US-Waren für 140 Milliarden Dollar importiert, droht dann den USA mit anderen Vergeltungsmaßnahmen.

Kräftiger Anstieg der Zölle auf beiden Seiten

Vor Beginn ihres Handelskrieges hatten die USA ihre Importe aus China mit im Durchschnitt drei Prozent verzollt. Inzwischen hat sich ihr Satz auf 21 Prozent erhöht, errechnete das Washingtoner Peterson-Institut. Auch China erhebt mittlerweile durchschnittlich 22 Prozent. Japans Nachrichtenagentur Nikkei schrieb, dass die USA zuletzt vor dem Zweiten Weltkrieg solche hohen – fast 20-Prozent-Zölle – auf den Wert ihrer Importe aufgeschlagen hatten. Das sei aber in einer Phase des Protektionismus gewesen.

Beide Kontrahenten wollen immer starrsinniger ihrer Öffentlichkeit weismachen, dass nur der jeweils andere unter dem Handelskrieg leide. Trump behauptet, dass Chinas Wirtschaft im freien Fall sei und drei Millionen Arbeitsplätze eingebüßt habe. Es verliere immer mehr Investoren durch den Konflikt mit den USA. Peking brauche daher einen Deal und werde Washingtons Forderungen erfüllen. In der Zwischenzeit aber fahren die USA gut, verdienen hunderte Milliarden Dollar an den Strafzöllen.

Wendepunkt zugunsten Chinas

Peking steht solchen absurden Äußerungen in nichts nach. Die jüngsten Zollerhöhungen der USA seien ein Wendepunkt zugunsten Chinas, behauptete am Montag das Parteiblatt "Global Times". Trumps "paranoider Handelskrieg" werde die US-Bürger gegen ihn aufbringen, weil sich deren überwiegend aus China bezogener Alltagskonsum an Textilien, Schuhen, Sport- und Haushaltsartikeln nun stark verteuern werde. Die Zeitung zitiert als Kronzeugen für die Behauptung, dass China gewinnt, Forscher Gao Lingyun von der Akademie für Sozialwissenschaften. Der hätte ausgerechnet, dass seit Beginn des Handelskrieges im Juli 2018 bis Ende August 2019 die USA 70 Prozent der Folgen getragen hätten, China nur 30 Prozent. Die Nachrichtenagentur Xinhua beruft sich auf US-Wirtschaftsforscher, denen zufolge ein US-Durchschnittshaushalt wegen Trumps Zöllen zusätzlich 1.000 Dollar pro Jahr ausgeben müsse.

Zu landesinternen Problemen kommt der Handelskrieg

Peking muss mit vielen wirtschaftlichen Problemen im eigenen Land fertigwerden, die der Handelskrieg nur verschärft. Im Automobilsektor, der zehn Prozent zur Wirtschaftsleistung Chinas beiträgt, fielen die Verkäufe im Jahr 2018 auf 28,1 Millionen Fahrzeuge (minus 2,8 Prozent gegenüber 2017). 2019 setzt sich der Abwärtstrend fort. Nach verschiedenen Branchenschätzungen haben chinesische Hersteller bereits Produktionskapazitäten für 60 bis 64 Millionen Fahrzeuge aufgebaut. Die Auslastungen ihrer Fabriken liegen weit unter ihrer Profitabilitätsgrenze. Einer der Gründe für die neue Nachfrageschwäche für Autos und Konsumgüter ist die wachsende Verschuldung des Landes, die seit fünf Jahren dramatisch auch bei privaten Haushalten wächst.

Chinas scheinbar hohe wirtschaftliche Wachstumsrate von 6,2 Prozent im zweiten Quartal 2019 verdeckt, dass es der langsamste Zuwachs seit drei Jahrzehnten ist und das Land in immer mehr Bereichen unter Abwärtsdruck gerät, wie tendenziell inzwischen auch die USA. Der Handelskrieg beschleunigt ihn nicht nur – er verstärke bereits vorhandene Ängste vor einer globalen Rezession, warnte am Montag das Finanzmagazin "Caixin". Entsprechende Trends zeigten sich überall, von Deutschland bis Großbritannien, in Mexiko oder – als Folge des jüngsten Konflikts beider Länder – in Japan und Südkorea. "Der Handelskrieg wird zum zusätzlichen Anstoß, wenn eine Rezession auf dem Weg ist." (2.9.2019, Johnny Erling aus Peking)