Die digitale Freiheit arbeiten wann und wo man will – ein Traum mit vielen Abstrichen.

Foto: getty images

Eine möglichst kleine, fixe Stammbelegschaft und drum herum ein wechselnd großes Heer an losen Auftragnehmern. So beschreiben Personalberater – wie etwa Günther Tengel (Amrop Jenewein) – das künftige Bild der Organisationen. Klingt logisch angesichts der Kapazitätsschwankungen, der schnell geforderten Anpassungen der Geschäftsmodelle. Das passiert bereits und heißt Crowdsourcing.

Aus Sicht der anfallsartig Arbeitenden sagt man dazu Gig-Work: ein kleiner Job wie der Auftritt einer Band, ein Gig. Mal da, mal dort, vagabundierend. Und natürlich unplanbar. Aber das soll ja genau das Schöne sein, angeblich, spontan und voller Palmen und Sonne: all die Traumgeschichten von der totalen Erfüllung in "Workation". Das benennt das gehypte Jobleben, bei dem man etwa einmal einen Monat vom Strand aus einen kleinen Software- oder Social-Media-Auftrag abarbeitet. Passende Fotos mit Drinks in der Hängematte unterstützen das Traumbild dieses wunderbaren Daseins ganz perfekt. Für Unternehmen natürlich wahnsinnig praktisch hinsichtlich Gehaltssummen, lästiger und teurer Kollektiv- und Arbeitsschutzbestimmungen usw. usf. Super also.

Sicher auch super für ganz Junge, die vielleicht voller Skepsis und mit guter Ausbildung auf das Jobkarussell blicken und feststellen: So will ich das eigentlich nicht, nicht so wie meine peinlichen, abgerackerten Eltern, ich probier's anders. Sogar gut für Leute, die ein kleines, kapitalistisch getriebenes, bürgerliches Leben nicht wollen und sich lieber alternativ durchgfretten.

Sicher nicht super, wenn wir uns darauf einigen wollen, finanzierbare Sozial- und Absicherungssysteme mittels Beitragszahlungen zu erhalten. Noch, das stellt auch der Europäische Sozialausschuss fest, arbeiten Europäer eher nebenbei als Gig-Worker. Aber das ist erst der Anfang. Wenn Berater wie Deloitte in ihrer aktuellen Umfrage zum Thema Gig-Work feststellen, dass die arbeitsrechtlichen Systeme angepasst gehören, um mehr Gig-Work zu ermöglichen, dann ist die Richtung des Zuges klar. Abgefahren ist er. Die Frage ist nur, wie schnell er fahren wird.

Wieso ist das kein Thema im Wahlkampf? Den Erhalt der alten Welt zu verlangen wird nicht reichen, denn die neue ist schon da. Und verlangt, mit dem Zug der Konzerne zumindest mitgestaltet zu werden. (Karin Bauer, 5.9.2019)