Von klein an wird Mädchen eingetrichtert, was sie alles brauchen würden.
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"Weil wir es uns wert sind." So lautet der bekannte, seit vielen Jahren verwendete Slogan des Kosmetikkonzerns L'Oréal. Ihr Aussehen, das sollte Frauen viel wert sein. Das klingt schon nicht mehr so sehr nach Selbstliebe wie der ursprüngliche Slogan, ist allerdings schon etwas näher an der Wahrheit. Von Frauen wird nach wie vor verlangt, dass sie deutlich mehr in "Schönheitspflege" stecken. Mehr Zeit, mehr Geld.

Und das wird ordentlich ausgenutzt, wie eine IHS-Studie zu Gender-Pricing (DER STANDARD berichtete) zeigt. Gender-Pricing bedeutet, dass die Preise bestimmter Dienstleistungen oder Produkte darüber definiert werden, ob sie für Frauen oder Männer sind. 87 Prozent der Friseure verlangen für einen "Frauenschnitt" mehr, auch wenn die Haare der Kundin raspelkurz und einem klassischen "Herrenhaarschnitt" frappant ähneln. Schon diese Unterscheidung ist im Grunde absurd, Haarschnitt ist Haarschnitt, fertig. Wie viel das Bügeln eines Oberteils in der Reinigung kostet, hängt auch davon ab, wer es trägt. Frauen eine "Bluse", Männer ein "Hemd". Es ist nicht schwer zu erraten, was davon angeblich mehr Aufwand macht und folglich hochpreisiger ist. Richtig, die "Frauenbluse". Eigentlich sollte laut Gleichbehandlungsgesetz für unterschiedliche Preise ein sachlicher Grund vorliegen. Doch für die Frisur und die Bluse sucht man diesen vergeblich. Und trotzdem scheint es kaum jemandem aufzufallen, wie dreist diese Preisgestaltung ist. So tief sind die unterschiedlichen Erwartungen an Frauen und Männer, selbst bei diesen kleinen Dingen des Alltags, in unserer Gesellschaft eingebrannt.

Was zur Hölle ist Hyaluronsäure?

Nicht genug, dass es für Lohnarbeit für Frauen weniger gibt, sie den größeren Teil der Gratisarbeit erledigen und für vieles auch noch mehr hinlegen müssen. Sie werden von Kindesbeinen an auch noch für eine Unmenge an teuren Schönheitsprodukten gekeilt, von deren Existenz Männer ihr ganzes Leben lang nie erfahren, geschweige denn Geld dafür ausgeben. Und so muss wohl in den meisten Fällen der weibliche Part eines frisch zusammengezogenen Paares die Frage beantworten, was zur Hölle Hyaluronsäure und ein Highlighter ist.

Doch im Unterschied zur zähen Lohnschere und der schwachen Beteiligung von Männern an der unentgeltlichen Sorgearbeit – Bereiche, in die die Politik noch immer nicht bereit ist stärker einzugreifen – haben Frauen beim Konsum doch einige Trümpfe selber in der Hand. Auch der Zeitgeist ist auf unserer Seite: Im Zuge des Marie-Kondo-Entrümpelungstrends sollten wir uns endlich auch das Badezimmer vornehmen. Raus mit den teuren Damenrasierern, sein Bic tut's auch. Weg mit den blumig duftenden Cremes mit endlos vielen Inhaltsstoffen für sie und einer für ihn mit einem kräftigen Hauch von Sattel – oder wonach Männerpflegeprodukte sonst so riechen – und her mit der einfachen Feuchtigkeitscreme für wirklich "jeden Hauttyp". Fort mit dem hautstraffenden Q10-Duschgel und her mit der günstigen, weil genderneutralen Seife.

Aus Bluse wird Hemd

Und auch im Dienstleistungssektor lässt sich leicht aufbegehren. Die "Bluse" gibt man in der Reinigung hartnäckig als "Hemd" aus, sich selbst beim Friseur als Mann. Wenn man dort den Wink mit dem Zaunpfahl angesichts der unfairen Preispolitik nicht versteht, bleibt der Konsumentin immerhin noch der Weg zu anderen AnbieterInnen. Oder zur Gleichbehandlungsanwaltschaft, denn dort sind die Beschwerden wegen Gender-Pricing noch rar. Zeit wird's, sich mit "sachlichen Preisunterschieden" nicht mehr für dumm verkaufen zu lassen. (Beate Hausbichler, 4.9.2019)