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Die Nachfolge der unglückseligen Theresa May als Premierminister trat Boris Johnson ausgerechnet einen Tag vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause an. Anstatt die Ferien abzusagen oder wenigstens zu verkürzen ließ sich das Unterhaus ohne Murren ins Abseits schieben. So konnte der Konservative sechs Wochen lang ungehindert vom Parlament agieren.

Am Dienstag, dem ersten Sitzungstag nach der Pause, hat die Realität einer parlamentarischen Demokratie Johnson eingeholt. Zunächst machte der in aller Öffentlichkeit zelebrierte Parteiübertritt eines früheren Staatssekretär zu den Liberaldemokraten den Premierminister zu einem Mann ohne Mehrheit. Und am späten Abend erteilte das Unterhaus Johnson einen heftigen Nasenstüber: Es ging den ersten Schritt in seinem Vorhaben, dem Premierminister den Weg in den Chaos-Brexit ("No Deal") zu versperren.

Benzin ins Feuer gegossen

Dass der notorisch illoyale Regierungschef zuvor allen Parteifreunden, die mit der überparteilichen Anti-Chaosallianz stimmen wollten, den Parteiausschluss androhte, hat Benzin ins Feuer gegossen.

Die Debatte verdeutlichte: Beinahe noch tiefer als die Opposition misstrauen die eigenen Leute dem Wort ihres Vorsitzenden. Hochkarätige Ex-Minister spotten offen über seine nachweislich falschen Behauptungen, etwa den nicht-existenten Fortschritt in den EU-Verhandlungen. Parteiübergreifend empören sich Abgeordnete über die Arroganz des Regierungschefs und seiner Minister.

Johnson steuert nun auf eine Neuwahl zu. Viel vernünftiger wäre es, das Unterhaus könnte sich endlich zu einem Kompromiss durchringen und den längst – von Theresa May im Herbst 018 – ausverhandelten Austrittsvertrag endlich ratifizieren. (Sebastian Borger aus London, 3.9.2019)