"Es fühlt sich für niemanden gut an zu schimpfen. Und Kinder trifft es oft härter, als uns bewusst ist", ist sich Familiencoach und Autorin Linda Syllaba sicher. Als sie ihrem damals siebenjährigen Sohn die Idee zum Elternratgeber erzählte, stellte er sich als Experte zur Verfügung: "Ich kann dir sagen, wie es ist, ein Kind zu sein." Und er erklärte ihr, was seiner Ansicht nach der Grund dafür ist, dass er Schimpfe von Erwachsenen kassiert: "Weil ich so dumm bin."

Gemeinsam mit Daniela Gaigg, einer der bekanntesten Mama-Bloggerinnen im deutschsprachigen Raum, hat die Wienerin nun eine Schimpfdiät entwickelt. Eltern sollen damit in sieben Schritten lernen, wie man auch in Stresssituationen wertschätzend und auf Augenhöhe mit dem Kind umgeht – nachhaltig und ohne Jo-Jo-Effekt.

Kinder empfinden Schmerz, Scham oder Angst, wenn sie geschimpft werden.
Foto: Getty Images/Filipovic018

Schimpfen schmerzt

Für ihren Elternratgeber sprachen die Autorinnen der Schimpfdiät dann nicht nur mit Eltern, sondern vor allem auch mit den Kindern. Deren Gefühlswelt, wenn sie zurechtgewiesen werden, lässt sich so zusammenfassen: Sie spüren Schmerz, Scham, Schuldgefühle, Angst, Trauer, Distanz und Frust.

In der Neurowissenschaft wird das Gefühl, das man bei Zurechtweisung, Ablehnung oder Abwertung spürt, "soziale Schmerzen" genannt. Seelische Schmerzen können sogar im Gehirn nachgewiesen werden – und zwar in jenem Bereich, der auch bei körperlichen Schmerzen aktiviert wird. "Die meisten Kinder reagieren auf diesen Schmerz, indem sie sich anstrengen, das zu machen oder so zu werden, wie ihre Eltern das wollen", erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther. Doch wer sich immer verbiegen und anstrengen müsse, um den Erwachsenen zu genügen, der könne kein rundum glückliches Leben führen.

Schreien darf man, schimpfen nicht

Die Schimpfdiät an sich funktioniere, wie jede andere Diät, aber nur dann, wenn man Gewohnheiten wirklich nachhaltig verändert. Das bedeute auch, dass starke Gefühle wie Trauer oder Wut nicht im Verborgenen bleiben müssen. Man wird als Leser sogar eingeladen, diese zuzulassen. "Schreien darf man", betont Linda Syllaba. "Wenn die Wut in mir hochkriecht, dann muss sie raus. Allerdings sollte sie sich nicht gegen das Kind richten, indem ich es anbrülle, abwerte oder beleidige."

Eine Alternative wäre es, im Nebenzimmer laut zu brüllen, in ein Kissen zu schlagen oder, wie es Daniela macht, im Quadrat zu hüpfen. "Es ist kein Scherz, ich hüpfe bei Wutanfällen im Quadrat. Das hilft unglaublich, und die Kinder erkennen dann auch den Ernst der Lage, ohne dass ich mit ihnen schimpfe. Sie fragen dann von sich aus, was mit mir los sei, und wir finden eine Gesprächsebene." Für Linda und Daniela bedeutet die Schimpfdiät demnach nicht, dass Eltern sich möglichst zusammenreißen müssen. Man ist eher eingeladen, eine neue Haltung einzunehmen, in der man mit viel Achtsamkeit persönliche Grenzen aufzeigt, ohne dabei dem Kind zu sagen, wer es ist und wie es zu sein hat.

Daniela Gaigg, Linda Syllaba
Die Schimpf-Diät
In 7 Schritten zu einer gelassenen Eltern-Kind-Beziehung
Beltz-Verlag 2019
16,95 Euro
Foto: Belz Verlag

Zerreißprobe Alltag

Startet man eine Schimpfdiät, wird man prompt vom Alltag überrascht – mit all seinen Terminen, Pflichten und Deadlines. Die Wahrheit ist nämlich, dass man gewissen Verpflichtungen nicht entkommt und der Nachwuchs immer genau dann bockt, wenn man keine Zeit für Diskussionen hat. "Wir kennen die Situationen alle. Man hat einen wichtigen Termin, und das Kind sitzt trotzig am Boden und möchte partout nicht die Schuhe anziehen", wissen die Autorinnen aus Erfahrung. "Nachdem sich das Kind auch nach der zehnten höflichen Bitte nicht von der Stelle bewegt, beginnt man zu schimpfen. In einem Kampf zieht man dem schreienden Kind die Schuhe an, man schwitzt und verlässt gestresst und schlecht gelaunt das Haus."

Das sei aber nur eine – meist in der eigenen Kindheit erlernte – Option. Die weitaus klügere ist es, sich auf Augenhöhe mit dem Kind zu begeben. Es zu fragen, was eigentlich der Grund dafür sei, nicht das Haus verlassen zu wollen. "Oft hilft es auch, erlernte Erziehungsmuster zu ignorieren und das Kind in diesem Fall einfach barfuß laufen zu lassen. Später zieht es die Schuhe dann vielleicht freiwillig an, ganz ohne Diskussion."

"Wenn du selbst im Mangelzustand bist, kannst du nichts mehr geben."

Warum schimpft man eigentlich?

Ein großer Teilbereich im Ratgeber widmet sich der Ursache des Schimpfens. Dazu gehören alltägliche Dinge wie Überforderung oder Stress, aber auch weniger offensichtliche Auslöser wie eigene frühkindliche Traumatisierungen, Erwartungshaltungen oder Mangelsituationen. "Wenn du selbst im Mangelzustand bist, kannst du nichts mehr geben", ist sich Zweifachmama Daniela sicher. "Eltern flippen natürlich viel schneller aus, wenn sie selbst müde, hungrig oder angeschlagen sind. Unseren Kindern bieten wir ganz selbstverständlich ausreichend Schlaf, viel Frischluft und Bewegung, gesunde Ernährung, achtsame Körperpflege oder Zuwendung und Geborgenheit. Doch was ist mit uns selbst?" Nach dem Motto "Geht's den Eltern gut, geht's den Kindern gut" raten die Autorinnen dazu, in erster Linie einmal für sich selbst zu sorgen.

Linda Syllaba (links) ist diplomierter systemischer Coach, bekannt durch Familencoachings nach Jesper Juul, beziehungshaus.at – Daniela Gaigg (rechts) schreibt seit 2012 einen der bekanntesten Elternblogs in Deutschland und Österreich, diekleinebotin.at
Foto: Bianca Kübler photography

Von der Vision, die Welt zu verbessern

Die Schimpfdiät verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung nachhaltig verbessern soll, sondern sich auch auf die Beziehung mit dem Partner oder der Chefin positiv auswirken kann. Der Leser ist aufgefordert, sich selbst Fragen zu stellen: Welche Mutter oder welcher Vater möchte ich sein? Wie geht es mir damit? Wie kann ich das Problem lösen? "Wir wollen mit dem Ratgeber eine Art inneren Frieden bei den Eltern erzeugen, der aber auch die Kraft hat, ein ganzes Umfeld zu verändern."

Die behandelten Themen zur Schimpfdiät wurden in drei Jahren von den Autorinnen erarbeitet und persönlich erprobt. "Als meine Tochter zwei Jahre alt war und in die berühmte Trotzphase kam, habe ich mir Hilfe gesucht. Das ist nun sechs Jahre her, und ich lerne jeden Tag dazu", erzählt Daniela. Die Beziehung zu ihren Kindern habe sich durch die Schimpfdiät auf jeden Fall verbessert. Nicht nur das: Den Kindern mit einer anderen Haltung zu begegnen führe auch bei sich selbst zu mehr Zufriedenheit. (Nadja Kupsa, 11.9.2019)