"Wie sie dann erfahren haben, dass ich nicht lesen kann und nicht schreiben und rechnen kann, haben sie dann mich gleich... dass ich wieder gehen kann. Und das ist zu oft passiert. Da war mein Gefühl von mir weit unten im Keller."

Mit diesen Worten beschreibt eine junge Frau aus Salzburg ihre Erfahrungen mit Bewerbungsgesprächen in einem Interview mit Ö1. Eine erwachsene Person, die nicht lesen und schreiben kann, klingt im ersten Moment wie ein bedauerlicher Einzelfall: Sicher sehr hart für die betroffene Person, aber keine Problematik, die hierzulande weit verbreitet sein kann. Schließlich gilt seit Maria Theresia in Österreich die allgemeine Schulpflicht. Alle Kinder – gleich welcher Herkunft – lernen in den ersten Schuljahren Lesen und Schreiben. Und an jeder Ecke werden Nachrichten in Handys getippt, Formulare ausgefüllt und Zeitungen in den Öffis gelesen. Wie verbreitet ist also Analphabetismus in Österreich?

Manchmal fällt das Schreiben schwer. Doch mit der richtigen Unterstützung kann auch das gelingen.
Foto: Christina Repolust

Was wir wissen... und was nicht

Aufschlussreiche Ergebnisse dazu liefert die PIAAC-Studie ("Programme for the International Assessment of Adult Competencies") der OECD aus dem Jahr 2013. 1,8 Prozent der österreichischen Erwachsenen im Erwerbsalter besitzen de facto keinerlei Lese- und Schreibkompetenzen. Darunter fallen einerseits Personen, die überhaupt nicht lesen und schreiben können. Andererseits sind hier auch jene mitgerechnet, die aufgrund einer Einschränkung nicht in der Lage sind zu lesen. Hierbei handelt es sich um etwas mehr als 100.000 Betroffene in Österreich. Weitere 2,5 Prozent der über 16-Jährigen in Österreich befinden sich auf der niedrigsten Stufe der Lesekompetenz. Das heißt beim Lesen werden maximal kurze Abschnitte und einfache Informationen verstanden. Diese Personen verfügen nur über einen geringen Lesewortschatz, weiters bestehen deutliche Schwierigkeiten beim Verarbeiten von Satzstrukturen. Insgesamt betrifft dies hierzulande circa 140.000 Erwachsene.

Darüber hinaus besitzen 12,8 Prozent der Bevölkerung in Österreich lediglich grundlegende Lese- und Schreibkompetenzen. Diese etwa 720.000 Personen können demnach nur relativ kurze und einfache Textstücke lesen. Weiters beschränkt sich das Leseverstehen auf einzelne Sätze. Längere Informationen, die über die Satzebene hinaus gehen, erweisen sich als schwierig. Das heißt, diese Gruppe kann prinzipiell lesen, hat aber vor allem Schwierigkeiten beim Verstehen und Wiedergeben des Gelesenen.

Gemessen an der Gesamtzahl an Personen, die theoretisch in der Lage wären lesen und schreiben zu können, ergibt sich daraus eine Größenordnung von ungefähr einer Million Menschen, die bestenfalls eingeschränkt lesen und schreiben können. Entgegen mancher Behauptungen im öffentlichen Diskurs handelt es sich dabei nicht primär um Zugewanderte. Im Gegenteil: Die Mehrheit besitzt keinen Migrationshintergrund. Konkret geht es dabei um 535.600 Personen, deren Erstsprache Deutsch ist und die hier zur Schule gegangen sind.

Bedauerlicherweise ist dieses Thema bisher nur unzureichend in Österreich erforscht worden. So liegen weder aktuellere Zahlen als von 2013 vor, noch existieren Untersuchungen zu den Ursachen von Bildungsbenachteiligungen in den Bereichen Lesen und Schreiben. Denn neben der zitierten Studie gibt es aus den vergangenen Jahren keine weitere Untersuchung dieser Größenordnung, die sich mit den Lese- und Schreibkompetenzen Erwachsener beschäftigt. Meist fokussiert man sich in der Forschung auf Schulkinder (Stichwort Pisa) oder auf sogenannte Entwicklungsländer.

Schriftkompetenz ist eine globales Thema. Doch auch in Österreich besteht Handlungsbedarf.
Foto: Brigitte Bauer

Bewusstsein schaffen

Vor allem mit Blick auf ökonomisch und sozial benachteiligten Länder erklärte die Unesco 1966 den 8. September zum Weltalphabetisierungstag. Ziel dieses Tages ist es, ein Bewusstsein für die weltweit mehr als 750 Millionen Menschen zu schaffen, die nicht kompetent lesen und schreiben können. Neben der Aufklärung geht es aber auch um Maßnahmen, welche die allgemeine Alphabetisierungsrate erhöhen sollen. Denn trotz großer Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten, gibt es immer noch Länder, in denen weniger als die Hälfte der Bevölkerung lesen und schreiben kann.

Das Thema des Weltalphabetisierungstages 2019 lautete "literacy and multilingualism" und verweist darauf, dass die Mehrheit der Menschheit mehr als nur eine Sprache spricht. Mehrsprachigkeit stellt aber auch eine Herausforderung für die Schriftsprache dar. Denn selbst wenn Menschen in einer Erstsprache lesen und schreiben können, bedeutet das nicht automatisch, dass sie dies auch in weiteren Sprachen erlernen konnten.

Es besteht also weiterhin Aufklärungs- und Handlungsbedarf zum Thema Alphabetisierung beziehungsweise Lese- und Schreibkompetenz – sowohl global, als auch hier in Österreich. Dieser Blog möchte dazu beitragen, ein öffentliches Bewusstsein für Alphabetisierung und Basisbildung zu schaffen beziehungsweise es zu erweitern. Basisbildung meint in diesem Fall den partizipativen, (selbst-)kritischen und dialogischen Erwerb von (Grund-)Kompetenzen in den Bereichen Sprache, Rechnen und Digitales.

Aus diesem Grund werden in den kommenden Monaten unterschiedliche Stimmen aus dem Projekt "Campus Basisbildung" zu Wort kommen. In regelmäßigen Abständen werden hier diverse Themen aufgezeigt, sichtbar gemacht und zur Diskussion gestellt. Wichtig ist hierbei, dass der Blick nicht auf individuelle "Defizite" gerichtet ist. Wir vertreten eine Sichtweise, die den Menschen mit seinen Kompetenzen in den Mittelpunkt rückt. (Florian Pawlik, 9.9.2019)

Florian Pawlik arbeitet seit einigen Jahren in der Erwachsenenbildung mit Schwerpunkt Alphabetisierung und Basisbildung und ist seit Beginn des Jahres im Projekt Campus Basisbildung aktiv.

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