Jo Johnson, der Bruder von Premier Boris Johnson, ist zurückgetreten.

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"Johnson hat seinen Rücktritt" bekanntgegeben, schrieb der "Guardian" am Donnerstag in seinem Brexit-Blog. Die Ankündigung löste keine Schockwellen in Großbritannien aus, denn "nicht Boris, sondern Jo, sein Bruder", wolle zurücktreten.

Der konservative Parlamentsabgeordnete Jo Johnson ist der jüngere Bruder von Premier Boris Johnson, der wegen seines kompromisslosen Brexit-Kurses in den eigenen Reihen immer stärker unter Druck gerät. Am Donnerstag legte Johnsons Bruder sein Amt als Staatssekretär sowie sein Mandat als Parlamentsabgeordneter der konservativen Tories nieder.

Seit dem 24. Juli hatte Jo Johnson einen Staatssekretärsposten im Ministerium für Wirtschaft, Energie und Industriestrategie und im Bildungsministerium inne. Diese Ämter sowie sein Mandat im Unterhaus solle nunmehr ein anderer ausüben, schrieb der 47-Jährige auf Twitter.

"Ich war in den vergangenen Monaten zerrissen zwischen Loyalität zur Familie und dem nationalen Interesse – es ist eine unauflösbare Spannung", begründete Johnson den Schritt.

Ein Sprecher von Boris Johnson sagte, der Premier wolle Jo Johnson für seinen Dienst danken. "Er war ein brillanter, talentierter Minister und ein fantastischer Abgeordneter." Der Premier verstehe, dass das wohl keine einfache Angelegenheit für Jo gewesen sei.

"Jo Johnson scheint der erste Minister zu sein, der zurückgetreten ist, um weniger Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Ein guter Entschluss", witzelte ein Oppositionspolitiker.

Jo Johnson ist deutlich proeuropäischer als sein Bruder, der Premier. Beim Brexit-Referendum hatte er dem "Guardian" zufolge für einen Verbleib in der EU gestimmt. Er gilt als Gegner eines ungeregelten Brexits und als Befürworter eines zweiten Referendums über den britischen EU-Austritt.

Premier Johnson will Ausstieg mit oder ohne Abkommen vollziehen

Boris Johnson hingegen will sein Land am 31. Oktober notfalls ohne Abkommen aus der EU führen, sollte Brüssel nicht auf seine Forderung nach Änderungen am Brexit-Deal reagieren. Viele Tories halten das wegen der unabsehbaren Konsequenzen für die Wirtschaft und viele andere Lebensbereiche für einen schweren Fehler.

Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag schloss der Premier erneut aus, dass er nach Brüssel reisen werde, um eine Fristverlängerung zu erreichen: "Lieber würde ich tot im Straßengraben liegen", erklärte Johnson. Er will am Montag erneut über Neuwahlen abstimmen lassen.

Der Premierminister hatte zuvor 21 Tory-Rebellen aus der Fraktion geworfen, die im Streit um seinen Brexit-Kurs gegen die eigene Regierung gestimmt hatten. Darunter befanden sich so prominente Mitglieder wie der ehemalige Schatzkanzler Ken Clarke und der Enkel des Kriegspremiers Winston Churchill, Nicholas Soames.

Am Donnerstag schrieb die gewöhnlich sehr gut informierte Innenpolitikchefin des öffentlichen Rundfunks BBC, Laura Kuenssberg, auf Twitter, dass das Timing des Rücktritts kein Zufall sei. Es habe wohl etwas damit zu tun, dass Premier Boris Johnson mehrere Tory-Mitglieder im Brexit-Streit aus der Partei ausgeschlossen habe. (fmo, APA, 5.9.2019)