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Foto: Weltbank

Millionen Menschen entkommen in Indien, China und Co der Armut, weil die Wirtschaft dort stark wächst. Das treibt auch den Klimawandel an. Stéphane Hallegatte von der Weltbank glaubt aber: nicht mehr lange. Hallegatte ist leitender Ökonom im Büro in Washington und beschäftigt sich damit, wie ärmere Länder mit dem Klimawandel und Naturkatastrophen umgehen können. Er hat mehrere Berichte dazu verfasst, wie wirtschaftliche Entwicklung klimaneutral funktionieren kann.

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Eine Solaranlage in Quilapilún in Chile, die das Land gemeinsam mit China gebaut hat. China investiert viel Geld in Sonnenenergie – nutzt jedoch weiter sehr viel Kohle. Wie lange aber noch?
Foto: AP / Esteban Felix

STANDARD: Auf der Welt kommen zig Millionen aus der Armut, weil die Wirtschaft ihrer Länder stark wächst. Das heizt aber den Planeten an. Geht das eine ohne das andere?

Hallegatte: Die Emissionen der Ärmsten sind quasi vernachlässigbar. Die ärmste Milliarde auf der Welt ist für weniger als ein Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Wenn sie Zugang zu grundlegenden Dingen wie Elektrizität oder einen Kühlschrank bekommt, hat das fast keinen Einfluss auf unsere Emissionen. Die globale Mittelschicht entscheidet über das Klima. Wenn wir die Emissionen reduzieren, hat das vielleicht Einfluss auf das Leben von wohlhabenden Menschen, aber nicht auf einen armen Bauern in Äthiopien.

STANDARD: In Indien oder China steigen viele zum Glück in die Mittelschicht auf, aber die Emissionen dort steigen massivst.

Hallegatte: Ich stimme zu, dass das ein Problem ist. Aber nicht unlösbar. Es wäre sogar schon mit heute existierenden Technologien lösbar. Es gibt ein paar reiche Länder mit sehr dicht besiedelten Städten, viel öffentlichem Verkehr und erneuerbarer Energie. Man kann mit sehr geringen Emissionen hohe Lebensqualität gewährleisten. Dann gibt es Länder wie die USA oder Kanada, die extrem viel Energie verbrauchen. Aber man kann Menschen in die Mittelschicht bringen, ohne das Klima anzuheizen.

STANDARD: Wie konkret?

Hallegatte: Es sind heute Dinge möglich, die vor zehn Jahren undenkbar waren. Erneuerbare Energien sind im Prinzip in allen Ländern der Welt billiger als Kohle. Das ändert alles. Es gibt noch große Herausforderungen, etwa bei der Stabilität der Stromversorgung. Aber wenn der technische Fortschritt so weitergeht, wird es einfacher und einfacher, Wachstum und Emissionen zu entkoppeln.

STANDARD: China baut Wind- und Sonnenenergie massiv aus, trotzdem verbrennt es mehr und mehr Kohle. Die Menschen wollen mehr Fleisch, Fliegen, Fernsehen.

Hallegatte: Die Herausforderung ist nicht die technische Machbarkeit. Sondern die politische Durchsetzbarkeit von Reformen. Viele arbeiten im Kohlebereich oder in ineffizienter Schwerindustrie, obwohl es wirtschaftlich keinen Sinn mehr ergibt. Eigentlich müsste man die Firmen zusperren. Aber Menschen leben davon. Klimapolitik muss man an soziale Investitionen koppeln.

STANDARD: Wie?

Hallegatte: In vielen Ländern gibt es Subventionen für Benzin und Diesel. Ökonomen sagen seit 40 Jahren, dass das keinen Sinn ergibt. Reformen wurden möglich, als sich das Narrativ veränderte. Man sagte nicht mehr: Die Förderungen sind schlecht, also streichen wir sie. Sondern man sagt: Ärmere sollen sich Energie leisten können. Indonesien hat in den letzten 15 Jahren nach und nach die Förderungen gesenkt und parallel Teile des Geldes direkt an Menschen ausbezahlt. Die Ärmsten hatten unter dem Strich mehr davon. Man kann Armut und Emissionen gleichzeitig senken. Das ist auch in Jordanien, im Iran und in der Ukraine passiert, und genauso müsste man es auch mit CO2-Steuern machen.

STANDARD: Trotzdem scheinen Reformen politisch schwierig. In Österreich sind alle großen Parteien gegen CO2-Steuern. Indiens Politik ist mit der Kohleindustrie verstrickt.

Hallegatte: Ein fairer Punkt, man muss pragmatisch sein. Es gibt Dinge, die möglich sind, und andere, die es nicht sind. Sind keine CO2-Steuern durchsetzbar, ist es sinnlos zu wiederholen, dass sie die beste Lösung wären. Dann sollte die Politik darauf achten, dass neue Investitionen in grüne Sektoren gehen. Ohne bestehende zu gefährden. Bis circa 2070 müssen wir global mit den Emissionen auf null.

STANDARD: Eine extreme Herausforderung.

Hallegatte: Und in jedem Land eine andere. In Afrika ziehen gerade unheimlich viele vom Land in Städte. Wie Städte dort heute gebaut werden, entscheidet, wie sie 2070 aussehen. Singapur ist dicht besiedelt und basiert auf öffentlichem Verkehr, Los Angeles ist es nicht und funktioniert mit Autos. Da gibt es extreme Unterschiede bei den Emissionen und wie einfach man sie weiter reduzieren kann. In Afrika ist es wichtig, die Urbanisierung richtig hinzukriegen. In anderen Ländern, im Kongo und im Amazonas, geht es darum, die Wälder zu schützen. Asien muss weg von Kohle.

STANDARD: Viele Millionenstädte in ärmeren Ländern sind verkehrstechnisch eine Katastrophe. Da ist schon viel passiert.

Hallegatte: Ja, wir sind spät dran. Das wird sehr teuer. Wenn alle meine Arbeiter jeden Tag zwei Stunden im Stau stehen, ist das aber auch heute schon teuer. Afrika hat von der Urbanisierung nicht dieselben Vorteile wie Asien, weil dort die Städte extrem ineffizient sind. In einer Stadt mit zehn Millionen Menschen gibt es keinen anderen Weg als öffentlichen Verkehr, U-Bahnen und Busse. Das braucht Geld und gute Organisation, denn oft sind zum Beispiel Eigentumsrechte von Land nicht genau geklärt. Alle brauchen Strom, und da ist es aber heute schon am einfachsten, das mit Erneuerbaren zu machen.

STANDARD: Das vielleicht häufigste Argument gegen eine ambitionierte Klimapolitik in kleinen Ländern wie Österreich ist: Was sind wir schon im Vergleich zu Indien und China! Was sagen Sie?

Hallegatte: Das ergibt für mich keinen Sinn. Wenn ich in einem kleinen Dorf in Indien lebe, kann ich auch sagen, mein Dorf macht keinen Unterschied. Jeder ist zu klein, um einen Unterschied zu machen. Aber um einen Unterschied zu machen, brauchen wir alle. Die reichen Länder müssen vorzeigen, wie man ein gutes Leben ohne hohe Emissionen führen kann. Die Politik in Uganda sieht, dass Spanien mit viel erneuerbarer Energie funktioniert. Neue Technologien müssen aus reichen Ländern kommen. Indien und China investieren massiv in Solarenergie. Auch in Afrika verbreitet sie sich sehr schnell. Nicht so sehr, weil sie Emissionen reduzieren wollen, sondern weil es sehr billig ist.

STANDARD: Trotzdem handeln viele reiche Länder zu langsam.

Hallegatte: Wir müssen im Auge behalten, dass es gewisse Schwellen gibt. Es ist schwierig, die Emissionen im Verkehr zu reduzieren, bis E-Autos plötzlich billiger sind. Dann ändert sich alles. Wir sind sehr nah dran. So eine Schwelle ist auch die Speicherung von Energie. Sie muss kompetitiv werden. Wir gehen darauf zu, und dann wird alles viel einfacher. Es würde mich nicht überraschen, wenn es eines Tages viel schneller geht, als wir heute denken. Schaut man, wo wir jetzt sind und wo wir vor zehn Jahren waren, dann ist der Wandel in der öffentlichen Meinung, der Politik und bei Technologien unglaublich.

STANDARD: Was ist die Rolle von Einzelnen in diesen großen Fragen?

Hallegatte: Wir müssen den Wandel schneller vorantreiben. Individuelle Handlungen bringen uns nicht dorthin, wo wir hinmüssen. Das Wichtigste ist, Druck auf die Politik zu machen. Ich glaube aber, dass wir das nicht bekommen, wenn nicht auch die Menschen für sich genommen so viel wie möglich tun. Als Kind hat man mir gesagt, wirf das Obst nicht weg, das ist wertvoll. Mit Energie muss es genauso werden.

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