Kommt, kommt, kommt her zu mir!" Freundlich-lockend tönt der Ruf von Jürgen Frenzel durch die Stille. Der Landwirt steht im brandenburgischen Dobbrikow, rund 60 Kilometer südlich von Berlin, am Rand einer Weide und möchte, dass seine Kühe zum Zaun kommen.

Der Wolf (Canis lupus) war lange Zeit in Deutschland ausgestorben. Nun fühlt er sich dort jedoch wieder recht wohl und bedient sich gern am Weidevieh der Bauern.
Foto: Getty

Die sitzen weit entfernt – klein wie Spielzeugtiere – unter einem Baum im Schatten. "Na kommt", wiederholt Frenzel, und tatsächlich: Die ersten Kühe und Kälber stehen auf und machen sich in aller Ruhe auf den Weg. "Na bitte, geht doch", sagt Frenzel und wirkt auch sonst zufrieden. Alle Tiere sind wohlauf.

Das ist nicht immer so. Manchmal findet der 67-Jährige nur noch blutige Teile. Es fehlen dann von Kälbern Beine, Köpfe, gelegentlich liegt bloß ein Gerippe im Gras. "Ein schrecklicher Anblick ist das, das geht mir sehr nahe und verfolgt mich bis in den Schlaf. Denn ich weiß, dass die Tiere qualvoll verenden", sagt der Landwirt, der 500 Mastrinder, 200 Mutterkühe und rund 150 Färsen hält.

Mehr als 60 Tiere hat er in den vergangenen Jahren verloren. Zugeschlagen hat der Wolf. Der fühlt sich seit geraumer Zeit hauptsächlich in Ostdeutschland wieder recht wohl. Seit 1850 galt der Wolf in Deutschland als ausgestorben. Wenn sich mal ein Exemplar, vom Osten kommend, in die DDR verirrte, wurde konsequent geschossen. Seit 1990 jedoch steht der Wolf im wiedervereinigten Deutschland unter Natur- und Artenschutz, er darf seither nicht mehr gejagt werden. Bei Verstößen wird die Staatsanwaltschaft tätig.

Gleichzeitig begannen nach der Wende die Wölfe über Polen wieder nach Deutschland einzuwandern. Im Jahr 2000 passierte, was die deutsche Naturschutzorganisation Nabu eine "Sensation" nennt: In Sachsen kamen die ersten Welpen zur Welt, somit entstand das erste Wolfsrudel in freier Wildbahn in Deutschland.

Es blieb nicht bei diesem einen. Den Wölfen gefällt es vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, dem Bundesland, das die Hauptstadt Berlin umgibt. Auf 38 brandenburgischen Territorien leben rund 300 Wölfe, das sind mehr als in ganz Schweden, das deutlich größer ist.

Den Wölfen gefällt es vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.
Foto: Bundesamt für Naturschutz

"Es sind viel zu viele. Wir haben hier ausgeprägtes Weideland", sagt einige Kilometer weiter, in Stücken bei Michendorf, der Landwirt Jens Schreinicke. Er ist Vorsitzender des Kreisbauern-Verbands Potsdam-Mittelmark und hört immer wieder, dass seine Kollegen Verluste beklagen. "Manchmal", sagt er, "bleibt von einem Kalb gar nichts mehr übrig. Dann findet man nur noch die Ohrmarke." Als bei ihm letztes Mal ein Kalb fehlte, da habe die Mutterkuh "noch drei Tage lang verzweifelt Richtung Wald geschrien".

Schreinicke hat eine klare Meinung, wie mit den Wölfen zu verfahren wäre: "Die gehören schlichtweg abgeschossen. Sonst wird es bei uns bald keine Tiere mehr auf der Weide geben." Er denkt an Korridore, die festgelegt werden. Wird darin ein Wolf gesichtet, darf man ihn schießen. Viele Gemeinden in Brandenburg nennen sich mittlerweile "wolfsfreie" Gemeinden, um zu demonstrieren, dass sie das Tier nicht bei sich haben wollen.

Gesundheitspolizei des Waldes

Nicht gut kommt die Idee mit dem Schießen bei Christiane Schröder an. "Der Wolf ist Teil unseres Ökosystems, er hat auch die Berechtigung, hier bei uns zu leben", sagt die Leiterin des Nabu Brandenburg und verweist damit auf die Rolle des Wolfes als "Gesundheitspolizei" des Waldes: "Tiere, die der Wolf erlegt, haben oft eine schlechtere Vitalität als jene, die von Menschen geschossen werden.". Der Wolf halte also den Wald gesund. Nachsatz: "Er braucht im Gegensatz zum Menschen keine Trophäe, die er sich über den Kamin hängt."

Dass die Debatte zum Teil so aufgeheizt verläuft, führt Schröder auf uralte Ängste zurück: " Der Wolf ist ein Tier, das mythisch sehr belegt ist. Einerseits ist er den Menschen vertraut, weil von ihm ja der Haushund abstammt. Andererseits spukt viel Angst vor dem bösen Wolf herum."

Wer in Deutschland an den Wolf denkt, der hat weniger die Zwillinge Romulus und Remus im Kopf, die der Sage nach von einer Wölfin gesäugt und somit gerettet wurden und später Rom gründeten. Vielmehr ist gleich Rotkäppchen präsent, das arg- und harmlos mit seinem Körbchen durch den Wald zur Großmutter will und schließlich vom Wolf aufgefressen wird. Es ist kein Vorfall bekannt, bei dem je ein Kind irgendwie in Gefahr gewesen wäre. Auch das Bündnis Forum Natur, dem unter anderem Landwirte, Jäger und Waldbesitzer angehören, stellt klar: "Eine akute Gefährdung des Menschen in Mitteleuropa ist derzeit nicht zu beobachten."

Dennoch spielt die AfD gezielt mit den Ängsten. Ein Flyer der AfD-Fraktion in Sachsen zeigt einen Wolf, der durch eine einsame Dorfstraße läuft. Auf dem Boden liegt ein Teddybär, das Kind ist weg.

Immer wieder ist auch von einer "Obergrenze" für Wölfe die Rede. Der Begriff war zuletzt in der Debatte um Flüchtlinge in Verwendung – Parallelen sind nicht zufällig. Die AfD sieht beide – Flüchtlinge und Wölfe – als Gefahr für die Deutschen.

Demnach nannte der AfD-Abgeordnete Karsten Hilse in einer Bundestagsdebatte die Ankunft der Flüchtlinge, die er als "große Transformation" bezeichnet, und die Rückkehr der Wölfe in einem Atemzug: "Die große Transformation bringt Mord und Totschlag in nie dagewesenem Ausmaß und eine Verrohung der Gesellschaft. Und das Wolfsexperiment Schäden von hunderttausenden Euro."

Problemwolf wird "entnommen"

Wie unversöhnlich einander Wolfsgegner und Wolfsbefürworter gelegentlich gegenüberstehen, hat Naturschützerin Schröder am eigenen Leib erlebt. Einmal wurde in der brandenburgischen Kleinstadt Rathenow ein Wolf in der Nähe eines Kindergartens gesehen. Schröder meinte daraufhin, dass es vertretbar sei, ein Tier, das so nahe komme, zu "entnehmen", was ein etwas harmloserer Ausdruck für töten ist.

Sie bekam daraufhin Drohmails von beiden Seiten. Man schlug vor, eher ihre Kinder zu erschießen als den Wolf. Oder man wünschte, der Wolf möge ihre Kinder fressen, weil sie nicht kapiere, dass alle Wölfe getötet gehören.

Dass die Bauern unter den Schäden leiden, versteht Schröder. Dennoch ist sie der Meinung, man solle nicht den Wolf jagen, sondern eher bei den Landwirten ansetzen und diese zur "Sorgfaltspflicht" mahnen. Sie müssten ihre Herden besser schützen und könnten auch Hütehunde anschaffen.

Davon halten die Bauern Frenzel und Schreinicke nicht allzu viel. "So ein Hütehund frisst einem die Haare vom Kopf", sagt Schreinicke, das Land fördere nämlich nur den Kauf, nicht aber den Unterhalt. Frenzel meint, das mit den Hunden funktioniere auch nicht. Zu teuer, zu aufwendig, der Hund müsste auch schon von klein auf trainiert werden, das sei alles mühsam.

Er habe schon genug Ärger und Frust, wenn wieder einmal ein Tier totgebissen werde. Dann müssen die Bauern den "Rissgutachter" anrufen, der prüft, ob überhaupt ein Wolf zugeschlagen hat.

Ist das der Fall, gibt es Entschädigungen. 300 Euro pro Kalb bekomme er, sagt Frenzel. Aber die Rechnung geht für ihn nicht auf. Denn: "Ich hätte es ja nach einer gewissen Zeit für 900 Euro verkaufen können." 35.000 Euro Verlust hätten sich bei ihm in den vergangenen Jahren angehäuft – obwohl er seine Zäune immer höher gemacht habe. Aber der Wolf sei eben schlau, mehr Draht halte ihn nur für kurze Zeit ab.

Merkel drängte auf Lösung

Auf Bundesebene konnten sich die beiden zuständigen Ministerinnen Julia Klöckner (CDU/Landwirtschaft) und Svenja Schulze (SPD/Umwelt) in der Frage, ob der Abschuss von Wölfen erleichtert werden solle, so lange nicht einigen, dass Kanzlerin Angela Merkel schließlich ein neues Gesetz zur Chefsache machte.

Mittlerweile gibt es eine Lösung. Wölfe dürfen künftig getötet werden, selbst wenn nicht klar ist, welches Tier aus einem Rudel Weidetiere angegriffen hat. Allerdings müssen die Behörden der Länder jeden Abschuss einzeln genehmigen.

Obwohl er schon so viele Tiere verloren hat, sieht Frenzel das Heil der Bauern gar nicht im Abschuss der Wölfe. Er wäre auch mit einem höheren Ausgleich der finanziellen Schäden zufrieden. "Wenn die Gesellschaft den Wolf unbedingt haben möchte, dann soll sie ihn haben. Aber dann muss sie auch für diejenigen sorgen, die unter ihm zu leiden haben", sagt er. Am meisten ärgert ihn bei der Debatte eines: "Wenn Städter Entscheidungen treffen, die von der Landwirtschaft und dem Leben hier keine Ahnung haben." (Birgit Baumann, 6.9.2019)