Zahlreiche Südafrikaner waren am Sonntag in Johannesburg mit selbstgemachten Waffen unterwegs.

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Johannesburg – Es hätte so schön werden können. Wie alle zwei Jahre traf sich Afrikas Wirtschaftselite in Kapstadt: Auf der einen Seite der malerische Tafelberg, auf der anderen das blaue Meer und der Hafen, dem das Land einen guten Teil seines relativen Wohlstands verdankt. Cyril Ramaphosa, als Präsident Südafrikas auch Gastgeber, hatte sich vom diesjährigen afrikanischen Weltwirtschaftsforum (WEF) wahre Wunder versprochen. Schließlich kreist das Wirtschaftswachstum um den Nullpunkt, die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 30 Prozent, der Schuldenberg wächst in atemberaubende Höhe. Und was passiert?

Ausgerechnet kurz vor dem Wirtschaftsgipfel wurde das Land von Ausschreitungen heimgesucht. Hunderte von Südafrikanern gingen mit Stangen, Macheten und Streichhölzern bewaffnet auf die Straßen, um Jagd auf Ausländer zu machen. Sie schlugen die Scheiben von Geschäften ein, plünderten die Auslagen und ließen die Automobile nigerianischer Gebrauchtwagenhändler in Flammen aufgehen. Die Polizei war überfordert und trat in vielen Fällen den Rückzug an. Bislang wurden mindestens zwölf Menschen getötet, gaben die Behörden bekannt.

Südafrikas Sündenböcke

In Südafrika kennt man das bereits. Wann immer sich das Land in einer wirtschaftlichen Krise befindet, werden Ausländer als Sündenböcke ausgemacht. Sie nähmen den Einheimischen die Arbeit weg, heißt es, und machten ihre Geschäfte auf dem Rücken der notleidenden Bevölkerung. Das war im Weltwirtschaftskrisenjahr 2008 der Fall, genauso wie sechs Jahre später, als Südafrika die Folgen der Herrschaft Jacob Zumas zu spüren bekam.

Die Regierung schweigt oder wiegelt ab: Es handle sich nicht um Ausländerhass, sondern um ganz gewöhnliche Kriminalität, wird erklärt. Zuvor hatten Politiker jeder Couleur das Sündenbockspiel immer wieder zur eigenen Entlastung genutzt: Ausländer seien für die schwindelerregende Kriminalität verantwortlich zu machen, heißt es – Belege dafür gibt es freilich nicht.

Proteste in Nigeria

Dem Ausland reichte diese Erklärung wenig überraschend nicht. Der sambische Fußballverband sagte ein Freundschaftsspiel gegen Südafrika ab: Unter solchen Umständen könne von Freundschaft keine Rede sein. Afrikanische Musiker gaben bekannt, in Südafrika nie mehr auftreten zu wollen. Und in Nigeria kam es zu wütenden Protesten vor südafrikanischen Geschäften, die Vertretung der angeblichen Regenbogennation im westafrikanischen Staat musste vorübergehend geschlossen werden. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 9.9.2019)