Pünktlich erscheint der ehemalige SPÖ-Bundesgeschäftsführer Max Lercher bei unserem Treffpunkt, und schnell bin ich beim Thema: "Sie haben einmal gemeint, dass Jörg Haider heute wahrscheinlich die SPÖ wählen würde. Sind Sie noch immer diese Ansicht?" Die Antwort kommt prompt: "Das war eine sarkastische Replik auf die Behauptung der FPÖ, dass Bruno Kreisky heute Blau wählen würde. Es war eine polemische Antwort und nicht mehr."

Da Lercher in den Medien oft dem linken Flügel der SPÖ zugerechnet wird, frage ich ihn, ob der Marxismus für die heutige Sozialdemokratie noch irgendeine Bedeutung hat. Seine Antwort ist zunächst eine Absage an die marxistische Orthodoxie. Er betont seine Verachtung für die ehemalige Sowjetunion. Das "Kapital" von Marx ist aus seiner Sicht jedoch stellenweise nach wie vor aktuell. Zusammen mit Thomas Pikettys Werk "Das Kapital im 21. Jahrhundert" erkennt er eine Basis für wirtschaftspolitische Analysen. Lercher präzisiert auf die Frage, ob der Marxismus für ihn ein Werkzeug wie bei den Neomarxisten sei: "Das ist richtig, aber ein Werkzeug ist nicht genug. Was mich treibt, ist, dass die Sozialdemokratie eine Vision braucht."

Er erwähnt die Aktualität der Frankfurter Schule: "Sie sind trotz ihres Ablebens deswegen nicht dümmer geworden." Allerdings war die Frankfurter Schule damals selbst unter Marxisten umstritten. Man warf ihr eine elitäre Gesellschaftskritik vor, ohne Realitätsbezug zu betreiben. Fast legendär die spöttische Anmerkung des Marxisten Georg Lukács: "Die Mitglieder der Frankfurter Schule lebten in einem 'Grand Hotel Abgrund', von dessen Terrasse aus sie bei einem Aperitif das Elend der Welt betrachteten." Tatsächlich fehlen große neue Theoretiker für die Fragen des 21. Jahrhunderts. Darunter leiden nicht nur die Linken.

Identität und interne Kommunikationsprobleme

Unter Lerchers Slogans finde ich die Forderung, "unsere Identität" zu stärken. Was er unter "unserer Identität" versteht, möchte ich von ihm erfahren. "Sozialdemokratische Identität ist für mich, die Fleißigen wieder ins Zentrum zu rücken. Ich will denen, die sich von uns nicht mehr vertreten fühlen, wieder eine Identität geben", so seine Antwort. Auf die Frage, ob bei ihm Identität eine rein parteipolitische Angelegenheit sei, meint Lercher: "Identität ist für mich sozialdemokratisch zu verstehen. Die Freiheitlichen haben eine rassistische Identität geschaffen. Ich würde gerne eine für alle Werktätigen schaffen, die das Gemeinsame betont und die Sozialdemokratie als eine Art Schutzmacht sieht."

Parteipolitisch ist Max Lercher eine integrative Persönlichkeit. Das zeigt sich vor allem darin, dass ihm "Bobo"- und "Prolo"-Genossen gleichermaßen wichtig sind.
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Bemerkenswert ist, dass der kulturelle Aspekt bei Lercher nicht vorkommt. Dabei ist ein positives Verhältnis von Kulturen entscheidend für "diverse" Gesellschaften. Ich frage Lercher, wo in der Integrations- und Migrationspolitik die größten Fehler der SPÖ lagen. "Ein Hauptversagen lag darin, dass man die Ängste der Bevölkerung während der Flüchtlingskrise nicht berücksichtigt hatte", erklärt er. "Man hätte bei den Brennpunkten vor Ort sein müssen, statt auf der Metaebene darüber zu sprechen", gesteht Lercher. Warum es der SPÖ bis heute nicht gelingt, den Rechtspopulisten die Themenführerschaft abzuringen, will ich von Lercher wissen. Er verweist auf interne Kommunikationsprobleme: "Ich glaube, wir haben die Aufgabe, mit einer Stimme zu sprechen. Wenn man uns in dieser Frage verfolgt, gibt es oft verschiedenste Aussagen. Das verunsichert die Menschen. Dabei habe ich schon als Bundesgeschäftsführer ein Grundsatzpapier zusammen mit Hans Peter Doskozil, Peter Kaiser und dem Christian Kern ausgearbeitet." Wer von diesen drei Politikern hatte dann den realpolitischen Ansatz verlassen, frage ich nach. "Na, niemand", entgegnet Lercher und zitiert Christian Kern, der ihm einmal sagte: "Weißt du, Max, wenn die Julia Herr, ich und der Hans Peter denselben Satz sagen, ist er bei der Julia links, bei mir Mitte und beim Hans Peter rechts." "Deswegen rede ich lieber vom Papier", schmunzelt Lercher.

Da die SPÖ die Idee einer offenen Gesellschaft vertritt, frage ich, warum dann die eigenen Abgeordneten dermaßen ethnisch homogen sind. "Ich glaube, das hat auch mit unseren eigenen Strukturen zu tun. Immerhin hat unsere Partei schon ein paar Jahre auf dem Buckel." Lercher gibt zu, dass es einen Aufholbedarf gibt. Er erinnert daran, dass es auch lange gedauert hatte, ehe die Frauen im Parlament entsprechend vertreten waren. Doch eine mangelnde gesellschaftliche Inklusion nur strukturell sehen zu wollen überzeugt nicht wirklich. Ein Blick nach Deutschland genügt. Dort, wo die dritte Generation von Migranten ihre kulturpolitischen Vorbilder im Ausland verortet, wie einst die "Süddeutsche" berichtete. Es war ein Bankrott der bisherigen Integrationspolitik der Großparteien.

Enteignungsfantasien und Änderung des Finanzsystems

Deutschland bietet noch andere Aspekte. Kevin Kühnert, Vorsitzender der deutschen Jungsozialisten, ist durch seine Enteignungsfantasien medial bekannt geworden. Darunter waren etwa die Kollektivierung von Firmen wie BMW oder kein Eigentum an privatem Wohnraum mehr. Stoßen solche radikalen Ansätze auch innerhalb der SPÖ auf Zustimmung? Lercher stellt entschieden fest: "Ich habe keine Enteignungsfantasien, und ich glaube, dass solche Ideen in der österreichischen Sozialdemokratie keinen Platz finden. Der Kevin Kühnert konnte auch eine solche Diskussion nur deshalb führen, weil die SPD so darniederliegt. Wir brauchen aber einen wirtschaftspolitischen Systemwandel. Das gesamte finanzkapitalistische System gehört hinterfragt, da dieses nicht mehr den Massen dient." Ob sich das internationale Finanzsystem von Österreich aus ändern lässt, werfe ich ein. Lercher ist optimistisch: "Die Sozialdemokratie in Österreich konnte geschichtlich betrachtet schon immer auf europäischer Ebene gute Diskussionen auslösen. Warum nicht jetzt?"

"Ich bin ein Idealist. Und das halte ich für wichtig." Für viele wirkt er deshalb authentisch. Er vermisst jedoch eine gewisse Bodenständigkeit in der Politik. In diesem Sinn ist auch sein Hang zur "Proletenkultur" zu verstehen. Er will vor allem mehr Wertschätzung für Facharbeiter und Pensionisten. Lercher wagt einen kurzen historischen Exkurs. Er betont, dass das Wort Prolet ursprünglich ein Kampfbegriff war. Die "Proletenpassion" scheint ihm ein großes Anliegen zu sein. "Früher haben die Proletarier bewusst größere Hemden gekauft als Zeichen dafür, dass ihnen bürgerliche Konventionen egal waren", erzählt Lercher. Und er fordert verstärkt proletarische Kulturangebote. Dazu gehören für ihn sowohl die Fußballkultur als auch das Recht auf politisch unkorrekte Äußerungen. Lerchers Proletenpassion wirkt recht anachronistisch. Das Prekariat sind heute niedrigqualifizierte Einwanderer und qualifizierte Freiberufler (Gig-Economy). Auch idealistische Sprachexperimente wie der Versuch, Unwörter umzudeuten, haben noch nie die Massen bewegt. Solche Aktionen enden meist in Sarkasmus, da ja die Schmähung jetzt "positiv" zu bewerten ist.

"Bobo"- und "Prolo"-Genossen sind gleichermaßen wichtig

Parteipolitisch ist Lercher durchaus eine integrative Persönlichkeit. Das zeigt sich vor allem darin, dass ihm "Bobo"- und "Prolo"-Genossen gleichermaßen wichtig sind – "ausgemacht hat uns immer die feine Mischung". Aber ganz glücklich ist er mit dem Status quo doch nicht, da "in letzter Zeit der Eindruck in der Basisstruktur gewachsen ist, dass nur einseitig gesprochen wird". Lercher vermisst im politischen Diskurs eine klare Sprache. Dinge auf den Punkt bringen, wie er sagt – und dazu braucht es auch "eine proletarische Aussage". Der Bobo-Sozialismus hat für Lercher seinen "Schwerpunkt auf dem Lebensstil und der Liberalität", während sich die anderen für den Lohnkampf einsetzten. Glaubwürdigkeit ist für ihn ein absoluter Wert.

Warum sozialdemokratische Politiker und Politikerinnen immer ihre "bescheidene" Herkunft betonen – sofern sie eine solche aufweisen können – und ob es letzten Endes nicht auf den Menschen ankomme, frage ich Lercher. "Ja, historisch gesehen gab es sehr reiche Sozialdemokraten, die viel erkämpfen konnten. Es wird bei den Roten unnötig viel über diesen Aspekt diskutiert. Das ist falsch, aber auf der anderen Seite erwarte ich mir von allen Mitgliedern einen bedingungslosen Kampf für die Bedürftigen", bringt er es auf den Punkt.

Ein Blick hinter die Kulissen

Sie kritisieren, dass die Solidarität einigen Funktionären nichts bedeutet. Diese, so Lercher, "interessieren sich nur mehr für Posten und Privilegien. Sie sind meine politischen Gegner wie die, die nur auf die Reichen und Privilegierten schauen." Auf die Frage, wen er konkret meint, geht Lercher kurz in sich und meint mit ernster Miene: "Ich habe da ganz konkrete Personen vor meinen Augen, ich werde mich aber hüten, diese Namen über ein Interview kundzutun. Ich rede auch nicht vom sozialdemokratischen Spitzenpersonal, ich rede von Opportunisten aus der zweiten Reihe, die vieles verhindern."

Meine letzte Frage bezieht sich auf das Wort Stolz. Lercher verwendet es circa 16-mal auf seiner Homepage, daher frage ich, ob es dafür einen bestimmten Grund gibt. "Das ist, weil ich aus der Obersteiermark komme. Wir sind sehr stolze Menschen. (lacht) Als Landes- und Bundesgeschäftsführer hörte ich von vielen den Wunsch, wieder stolz sein zu können. Und Stolz ist kein schlechtes Ziel, wenn man auf die richtigen Werte setzt. Mein Credo ist ja Glaubwürdigkeit vor Machterhalt." Auf den Einwurf, ob er keine Angst hat, dass man ihm Chauvinismus unterstellen könnte, erweist sich Lercher als Vollblutpolitiker und meint: "Mir wurde schon alles unterstellt. In der Partei bin ich als Ultralinker bis hin zu einem wirklichen Rechten eingestuft worden. Ich empfinde es als Qualitätsmerkmal. Es zeigt die ganze politische Bandbreite, wie man mich wahrnimmt, und das verbindet gleichzeitig." (Oliver Cyrus, 20.9.2019)

Oliver Cyrus ist freier Journalist und Publizist. Er hat ein ausgeprägtes Interesse für Zusammenhänge und Entwicklungen hinter den Tagesereignissen. Schwerpunkte seiner publizistischen Tätigkeit: Außen-, Sicherheits- und Gesellschaftspolitik.