Nicht nur dem Vereinigten Königreich würde ein No-Deal-Brexit zusetzen. Auch der deutsche Exportmotor könnte ins Stottern kommen.

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London – Ein EU-Austritt Großbritanniens ohne Einigung, also ein No-Deal-Brexit könnte Großbritannien nächstes Jahr in eine Rezession stürzen. Für die Eurozone würde dieses Szenario einen Wachstumsrückgang um einen halben Prozentpunkt bedeuten, warnt die Industrieländer-Organisation OECD in ihrem heute, Donnerstag, veröffentlichtem Zwischenbericht ("Interim Economic Outlook").

Sogar ein relativ glatt verlaufender No-Deal-Brexit, also ohne grobe Probleme mit der Abwicklung des Transits an der Grenze, würde Großbritannien zwei Prozentpunkte BIP-Wachstum in den Jahren 2020 und 2021 kosten, erwartete die OECD. Die derzeitige Prognose sieht für Großbritannien ein Wachstum von 1,0 Prozent heuer und 0,9 Prozent im Jahr 2020 vor, die Wirtschaft könnte dann also in eine Schrumpfungsphase fallen. Für die Eurozone würde ein glatt verlaufender No-Deal-Brexit wohl einen Verlust von einem halben Prozentpunkt Wachstum in den nächsten zwei Jahren bedeuten.

Export gebremst

Der Wachstumsverlust für Großbritannien entstehe durch den gebremsten Export, denn bei einem EU-Austritt ohne Einigung wären die Barrieren für die Ausfuhren plötzlich viel höher. Höhere Zölle und nicht-tarifäre Hürden bei den Exporten würden die britische Wirtschaft treffen, die Unsicherheit würde die Investitionsbereitschaft in der Wirtschaft deutlich hemmen. Großbritannien könnte versuchen, mit einer lockereren Fiskalpolitik dagegen zu steuern, obwohl ein No-Deal-Brexit die öffentlichen Finanzen belasten würde, heißt es im OECD-Bericht.

Im laufenden Jahr erwartet die OECD das niedrigste Wachstum der Weltwirtschaft seit der Finanzkrise. "Die Aussichten werden zunehmend fragil und unsicher", heißt es in dem am Donnerstag in Paris veröffentlichten Konjunkturausblick der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Handelskonflikt belastet

Vor allem der Handelskonflikt zwischen den USA und China belastete die Wirtschaft. "Die weltweiten Aussichten haben sich weiter eingetrübt", sagte OECD-Chefvolkswirtin Laurence Boone. "Handelskonflikte und politische Spannungen befeuern die Gefahr eines anhaltend schwachen Wachstums." Bisher habe vor allem die Industrie unter den Handelskonflikten gelitten.

Die Weltwirtschaft dürfte im Jahr 2019 laut der OECD nur noch um 2,9 Prozent wachsen. Im Mai war sie noch von einem Plus von 3,2 Prozent ausgegangen. Im Vorjahr war die Weltwirtschaft um 3,6 Prozent gewachsen. Für die Eurozone und die USA wurden die Prognosen für das laufende und das kommende Jahr gesenkt. Allein die von den USA und China gegenseitig verhängten Strafzölle dürften das weltweite Wachstum im kommenden Jahr um 0,3 bis 0,4 Punkte dämpfen.

Deutschland unter Beobachtung

Besonders skeptisch blickt die OECD auf Deutschland. Hier wurde die Prognose für das laufende Jahr um 0,2 Punkte auf 0,5 Prozent reduziert. Noch stärker wurden die Erwartungen für 2020 gesenkt: Es wird nur noch eine Zunahme beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,6 Prozent erwartet. Im Mai war noch von 1,2 Prozent ausgegangen worden. Deutschland wird als exportorientierte Volkswirtschaft besonders stark durch die Handelskonflikte belastet. Für Österreich gibt es keine Zahlen in dem OECD-Bericht.

In China wird eine graduelle Konjunkturabschwächung erwartet. Allerdings besteht laut OECD die Gefahr eines stärkeren Abschwungs. Dies könne zu einer längeren Phase einer schwachen Importnachfrage führen. Eine großes Risiko sieht die OECD mit Blick auf Großbritannien. Ein Brexit ohne Einigung könnte Großbritannien im kommenden Jahr in eine Rezession stürzen. Dies würde das Wachstum in ganz Europa merklich reduzieren. (APA, dpa, red, 19.9.2019)