Die Stimme – das wird vor allem bei Tonaufnahmen deutlich – ist mehr als das gesprochene Wort. Die Art und Weise, wie jemand spricht, der Klang der Stimme beeinflussen die Interpretation der Zuhörer. Die Stimme ist die Spur des Sprechers. Bis heute immer wieder als akustische Versatzstücke in Radio- oder Fernsehproduktionen zu hörende Stimmen, wie etwa die schreienden und bebenden Stakkatostimmen der Reden Hitlers oder Goebbels, haben sich in das akustische Gedächtnis des Zweiten Weltkriegs eingeschrieben.

Historische Selbstschnittfolien aus der Österreichischen Mediathek.
Foto: Österreichische Mediathek/Kapeller

Sprechende Feldpostbriefe

Zum größten Teil überhört wurde hingegen eine Sammlung rarer privater Sprachnachrichten, die in den Beständen der Österreichischen Mediathek aufbewahrt wird. Die Onlineausstellung "Einblicke und Rückblicke. Private Tondokumente zum Zweiten Weltkrieg (1939-1945)" der Österreichischen Mediathek des Technischen Museums Wien bringt nun diese propagandistischen und privaten Stimmungslagen zu Gehör. Achtzig Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs geben die Aufnahmen aus einem Wiener Tonstudio sowie "Sprechende Feldpostbriefe" unmittelbare akustische Einblicke in den Alltag während des NS-Regimes. "Diese Töne sind ein kleines Mosaikstück in der Alltags- und Mediengeschichte, bieten aber ungewohnte und neue Einblicke in diese Zeit", betont der Zeithistoriker Robert Pfundner, der die Ausstellung kuratiert hat. Anfang der 40er-Jahre mussten für diese Aufnahmen in recht aufwändiger Weise Schallplatten "geschnitten" werden. Genutzt wurden Selbstschnittfolien vor allem für Musikproduktionen der Plattenfirmen und bei wichtigen Aufnahmen für das Radio, die nicht live gesendet werden konnten. Während des Zweiten Weltkrieges gab es allerdings auch Tonstudios, die Privataufnahmen als Dienstleistung anboten. Nur wenige dieser Aufnahmen sind bis heute erhalten. Die in der Onlineausstellung präsentierten Sprachbotschaften mit Lokalbezug stellen die erste Veröffentlichung dieses Quellentypus in Österreich dar. Was dort zu Gehör kommt ist auch erschreckend, wie etwa eine Probeaufnahme aus einem Wiener Tonstudio: Ohne Betroffenheit und mit Gekicher liest eine weibliche Stimme verhetzende Nachrichten aus einer Zeitung.

Das Aufzeichnen von Kriegsberichten in Bild und Ton für Wochenschauen und Rundfunk diente zur "Erbauung der Deutschen im Reich", war aber genauso wichtig für das Aufrechterhalten der Stimmung unter den Soldaten, wie Thomas Jander in der Publikation "Akustisches Gedächtnis und Zweiter Weltkrieg" schreibt. In den ersten 14 Kriegsmonaten nahmen Berichterstatter an die 20.000 Schallplatten auf, was einer Gesamtlaufzeit von etwa 1.200 Stunden entspricht. Propagandistische Beschallung und Unterhaltung gehörte zu den Aufgaben der sogenannten Propagandakompanien. Beim Überfall auf Polen im September 1939 verfügte die Wehrmacht bereits über zwölf solcher Kompanien, die auch dafür ausgerüstet waren, "sprechende Feldpostbriefe" aufzunehmen.

Während Feldpostbriefe als private Schriftzeugnisse in der Forschung einen historisch wertvollen Quellentyp darstellen, führten die akustischen Grüße bisher eine fast vergessene Existenz in den Archiven. Genauso wie die schriftlichen Nachrichten sollten die Tonaufnahmen systemstabilisierende Wirkung ausüben, die Verbundenheit zwischen "Front" und "Heimat" fördern und die "Kampfmoral" stärken. In der monate- oder oft sogar jahrelangen Trennung von Familie und Freund/Innen boten sie eine, wenn auch seltene, Möglichkeit zur Kommunikation und waren Ersatz für das persönliche Gespräch.

Beredtes Schweigen

Die eigene Stimme und emotionale Botschaft nach Hause senden konnten Soldaten, die bei oder in der Nähe von Propagandakompanien stationiert waren. Aber auch in den Lazaretten des Deutschen Roten Kreuzes nahmen verwundeten Soldaten persönliche Grüße aus dem Krankenbett auf. Die Aufnahmesituationen – ob im Krankensaal oder stationären Soldatensender – war nicht sehr privat und die Inhalte der Briefe wurden meist zuerst notiert und dann vorgelesen. Der eigenen Verwundung wird dabei oft nicht allzu große Wichtigkeit beigemessen, Leid und Schmerzen gar verschwiegen, wie ein klingender Feldpostbrief aus dem Jahr 1943, aufgenommen in einem Lazarett in Linz belegt: Rudi lebt nach einem "Unfall" mit einem Panzer wieder "frisch und munter".

"Sprechender Feldpostbrief" des Deutschen Roten Kreuzes.
Foto: Österreichische Mediathek, Pfundner

Offiziellen Moderationssequenzen folgen Liebesgrüße, Sehnsuchtsbekundungen, Musikeinspielungen und beredtes Schweigen. Nur selten kommen Angst und Überdruss zum Ausdruck, kaum werden Kriegs- oder Kampfhandlungen angesprochen, Besinnung und Zweifel finden keinen Platz. Im totalitären NS-System sind auch die Sprechbriefe als Teil der allgegenwärtigen Propaganda zu sehen. Dennoch: Soldaten werden während der Aufnahmen wieder zu Vätern, die ihre Kinder direkt ansprechen und ihre erzieherische Funktion als Familienoberhaupt zu übernehmen versuchen, wie auch Franz, ein in Frankreich stationierter österreichischer Wehrmachtssoldat.

Gerade die Beschränkung auf die Hörbarkeit der erhaltenen Tonquellen steigert deren eingehende und unmittelbare Wirkung. In den Grußaufnahmen ist der Hintergrund des Krieges mit unterschiedlicher Intensität spürbar. Es sind keine professionellen Sprecher, die wir zu hören bekommen. In vielen Fällen klingt eine emotionsgeladene und unsichere Atmosphäre durch. Meist ist nicht bekannt, ob die Sprecher den Krieg überlebt haben.

Historische Originalaufnahmen und Rückblicke

Die privaten Originalaufnahmen aus der Kriegszeit werfen – beinahe 80 Jahre nach ihrer Entstehung – nicht nur kurze und unmittelbare Schlaglichter auf Alltagserfahrungen während des Zweiten Weltkriegs, sie ermöglichen jetzt auch erstmals – archivarisch gesichert und aufgearbeitet – eine quellenkritische zeithistorische Beschäftigung mit diesen vielschichtigen Zeitkonserven. Zudem kommen in der Onlineausstellung auch österreichische Zeitzeugen mit Erinnerungen an den Kriegsbeginn – reflektierende Rückblicke nach vielen Jahrzehnten – zu Wort. Die Rückblicke, wie auch die privaten historischen Aufnahmen, geben unmittelbare und sehr seltene Einblicke in den Kriegsalltag und reflektieren das Weltbild und die Propaganda der NS-Zeit. (Marion Oberhofer, X.10.2019)

Marion Oberhofer ist Kulturjournalistin in Bozen und Wien und bloggt für die Österreichische Mediathek.

Hinweis: Die Ausstellung ist Teil der Akustischen Chronik des 20. Jahrhunderts der Österreichischen Mediathek, alle Dokumente bleiben dauerhaft online verfügbar.

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