Das Bild zeigt einen Protest hunderter Migranten in einem Internierungslager im Westen Libyens im Mai 2019.

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Genf – Vor den Augen von UN-Helfern ist in Libyen am Donnerstag ein Migrant aus dem Sudan erschossen worden. Die UN-Organisation für Migration (IOM) und das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) verurteilten den Vorfall am Freitag.

Das sei ein neuer Beweis dafür, dass Libyen kein sicheres Land sei und Migranten unter keinen Umständen in das Bürgerkriegsland zurückgebracht werden dürften, sagte UNHCR-Sprecher Charlie Yaxley. Eine solche Tragödie sei nur eine Frage der Zeit gewesen, erklärte IOM-Sprecher Leonard Doyle.

Menschen wollten nicht in Internierungslager

Der 28-Jährige gehörte demnach zu einer Gruppe von 103 Personen, die die libysche Küstenwache bei der Flucht Richtung Europa abgefangen und nach Libyen zurückgebracht hatte. Die Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, hätten sich gewehrt, weil sie in ein Internierungslager gebracht werden sollten. IOM-Helfer waren demnach vor Ort. Wer bei dem Vorfall auf dem Militärgelände Abusitta geschossen habe, wurde bislang noch nicht bestätigt.

Die EU steht unter wachsender Kritik von Menschenrechtlern, weil sie die libysche Küstenwache dabei unterstützt, Migranten abzufangen und zurück an Land zu bringen. In den libyschen Internierungslagern herrschen nach Angaben von UN-Organisationen unmenschliche Zustände. Die Menschen seien eingepfercht und unterversorgt, zudem sei Gewalt an der Tagesordnung. Vor zwei Monaten waren 53 Migranten bei einem Luftangriff auf ein Internierungslager in Tajoura im Osten der Hauptstadt Tripolis getötet worden.

Experte: Europa dürfte nicht mit Libyen zusammenarbeiten

Der Libyen-Experte Wolfram Lacher, der am Donnerstagabend im Kreisky-Forum in Wien zu Gast war, äußerte eine ähnliche Kritik an der Herangehensweise europäischer Länder. "Es gibt aktuell keinen libyschen Ansprechpartner, aber Europa schickt Migranten trotzdem nach Libyen zurück, wo sie dann in Gefängnissen unter furchtbaren Bedienungen ausgebeutet werden – von Banden, die sich als Vertreter des libyschen Staates deklarieren", so Lacher. "Das Problem ist: Man hat keine Ansprechpartner, aber arbeitet trotzdem mit ihnen zusammen."

Libyen sei schon immer Ziel- und Transitland für Flüchtlinge aus Afrika südlich der Sahara gewesen, sagte Lacher – und bleibe es auch weiterhin. Politische Konflikte hätten die Aktivitäten von Schmugglernetzwerken nicht grundlegend gestört. (red, APA, 20.9.2019)