An der Wand eines Zürcher Freundes hängt in einem Rahmen ein leuchtend oranges Plakat mit schwarzen Lettern: "Note to self: Be kind be kind be kind". Ein Kunstdruck, sehr kraftvoll. Man kann ihn im Netz bestellen; ich beschloss, ihn zu kaufen.

Nett zu sein hatte in den vergangenen Jahrzehnten einen nicht so guten Ruf, vor allem bei Männern. Nette Männer wurden als Softies geschmäht, als Sitzpinkler und Beckenrandschwimmer. Und als Frauenversteher, als sei das was Schlechtes. Den Satz "Nett ist die Schwester von Scheiße!" habe ich irgendwann in den Nullerjahren zum ersten Mal von Anke Engelke gehört und dann sicher eine Million Mal. Er hat den Ruf des Nettseins weiter ruiniert. Die Netten waren die Doofen, die Schwächlinge. Also, wenn sie Männer waren. Bei Frauen war Nettsein okay. Bei Frauen gehörte es quasi zur Werkseinstellung.

Nicht mehr die Hübscheste und Liebste sein, wie es meiner Generation noch anerzogen wurde, sondern besser: die Klügste, die Stärkste.
Foto: Frank Robert

Nicht mehr lieb und nett sein

Ich begrüße es sehr, dass die Frauen jetzt immer seltener nett sein wollen. Nicht mehr lieb, nicht mehr lächeln. Nicht mehr die Hübscheste und Liebste sein, wie es meiner Generation noch anerzogen wurde, sondern besser: die Klügste, die Stärkste. Es ist kein Zufall, dass die derzeit bei jungen Frauen beliebtesten Fitnesstrainings nicht mehr die sind, die möglichst dünn machen, sondern Krafttrainings, die Muskeln ausbilden, kräftigen, stärken.

Eine Frau hat mir erzählt, wie sie kürzlich mal zuschlug, als sie fand, die Situation erfordere es, und wie unfassbar befriedigend es gewesen sein, einmal nicht gedemütigt abzuziehen, sondern ordentlich zurückzugeben.

Ich möchte hier keineswegs Gewalt verherrlichen, die Welt ist schon gewalttätig genug. Allerdings geht die Gewalt meist von Männern aus und richtet sich in der Mehrzahl der Fälle gegen Frauen. 41 von den 70 Personen, die 2018 in Österreich getötet wurden, waren Frauen, "die meisten Täter Männer" (so die Polizei). Und die meisten standen zu den Opfern in einer Familienbeziehung oder kannten sich schon vorher.

"Lächel doch mal"

Frauen leben auch deshalb mit Männern zusammen, die sie später umbringen, weil man ihnen zu wenig beibringt, nicht nett zu sein. Sofort unnett zu reagieren, wenn sie bemerken, dass ihnen etwas nicht guttut, unnett abzulehnen, unnett wegzugehen. Man hat Frauen viel zu lange gelehrt, dass sie lächeln sollen, lieb sein, hübsch sein. "Lächel doch mal" ist einer der beliebtesten Sprüche, mit denen Männer Frauen auf der Straße belästigen; kein Zufall.

Be strong, be stubborn, be unkind!
Foto: Getty Images/ FluxFactory

Frauen brauchen in dieser Gesellschaft Mut, Stärke und Entschlossenheit, um nicht nett zu sein, um entschieden Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht wollen, wenn etwas nicht gut für sie ist, und das sollten Mädchen von klein auf lernen, darin sollten wir sie bestärken: Be strong, be stubborn, be unkind. Während Buben lernen sollten, dass sie nicht immer stark sein müssen, dass es okay ist, nett zu sein, aufmerksam, verständnisvoll.

Ich hab das orange "Be kind"-Plakat dann nicht gekauft. Passt doch besser in eine Männerwohnung. (Doris Knecht, 21.9.2019)

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