Wechat gilt als Chinas Epizentrum der Überwachung.

Foto: REUTERS FILE PHOTO

Bereits länger ist bekannt, dass China seine Einwohner großflächig überwacht. Welche Methoden dafür eingesetzt werden, überrascht aber immer wieder. Ein Gericht in Hangzhou im Osten des Landes hat nunmehr eine neue perfide Taktik präsentiert, mit der Schuldner bloßgestellt und zum Zahlen bewegt werden sollen. Die Justiz nutzt dabei die App Wechat, Chinas Epizentrum der Überwachung. Darüber will sie in der Millionenstadt Familie und Freunde des Schuldners mit Geld anwerben, um diesen unter Druck zu setzen oder etwaige neue Schulden zu melden.

Entspannte Atmosphäre

Das Gericht sagt laut "Abacusnews", dass solche maßgeschneiderten Werbungen die Schuldner effektiv enthüllen würden. Wenn sich dies auf Social Media verbreite, könnten Schuldner ihre Verantwortung wahrnehmen. Es schaffe eine Atmosphäre, in der sich Leute offen über Schulden austauschen könnten.

So werden etwa 1,2 Millionen US-Dollar für Hinweise gegen eine Frau versprochen, die rund 24 Millionen US-Dollar Schulden angehäuft habe. Sie und ihr Ehemann hatten für einen Kredit eines Unternehmens gebürgt, das später pleiteging.

Kritik und Verständnis

Auf dem Mikroblogging-Dienst Weibo gehen die Meinungen jedenfalls auseinander. "Wer hat das Recht, soziale Medien für so einen Zweck zu verwenden?", schreibt einer. Ein anderer findet es "unheimlich, dass Familienangehörige solche Werbungen erhalten". Manche heißen diese Methode aber durchaus gut. "Wenn Schuldner über Jahre nicht ihr Geld zurückzahlen, scheren sie sich nicht um ihre Reputation".

Bereits seit Jahren wird diese Reputation in der Volksrepublik als Druckmittel eingesetzt. So werden etwa Name, Fotos, Adresse und Schuldbeiträge von Schuldnern in Zeitungen veröffentlicht. Auf einer eigenen Karte in Wechat können sich Nutzer sämtliche Schuldner im Umkreis von 500 Metern anzeigen lassen – und freilich auch neue melden.

Technisch funktioniert das, weil Nutzer von Wechat ihren Account als eine Art Personalausweis nutzen. Da die App von einem großen Teil der chinesischen Bevölkerung verwendet wird, will die Regierung analoge Personalausweise durch einen digitalen ersetzen, der mit dem Programm verknüpft ist – was auch solche Überwachungsmöglichkeiten schafft.

Harte Bandagen

Chinesen sind praktisch von Wechat abhängig. Über eine Milliarde Menschen nutzen das Programm, das zahlreiche Nutzungszwecke vereint: Ein Taxi rufen, Essen bestellen, das Bankkonto aufrufen, den (elektronischen) Personalausweis zeigen oder einen Arzttermin vereinbaren. Doch gleichzeitig dient Wechat eben auch als zentrales Instrument der chinesischen Regierung, um ihre Bevölkerung zu überwachen. Dafür hat die App zahlreiche Mini-Programme mitinstalliert, so auch in Hangzhou.

Peking will bis 2020 ein Bewertungssystem mit "Sozialkreditpunkten" für seine rund 22 Millionen Einwohner aufgesetzt haben. Die Volksrepublik will dabei das individuelle Verhalten ihrer Bürger erfassen und benotet es mit Plus- oder Minuspunkten. So will sie herausfinden, ob sie finanziell oder gesellschaftlich kredit- und vertrauenswürdig sind. (red, 24.9.2019)