Die Generaldebatte der Vereinten Nationen in New York hat begonnen.

Foto: Reuters LUCAS JACKSON

New York – Es ist ein anderer Donald Trump als der, den man kennt, der da am Pult der Vollversammlung steht. Nicht der Polemiker, der lautstark vom Leder zieht. Gerade auch hier, am New Yorker East River, hat er durch Lärm und Zuspitzung schon für Furore gesorgt, beispielsweise, als er den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un als Raketenmann auf einem Selbstmordtrip verspottete. Diesmal spricht er vergleichsweise leise, bisweilen fast schleppend. Seine Stimme ist monoton, merkwürdig im Vergleich zu dem, was man sonst von ihm gewohnt ist. Eher mühsam quält er sich durchs Manuskript, und manchmal scheint es, als bekomme er zum ersten Mal zu Gesicht, was er gerade vom Teleprompter abliest.

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United Nations

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, ein Rechtspopulist, der davon profitiert, dass sein Land nach dem UN-Generalsekretär traditionell an erster Stelle der Rednerliste steht, hat die Unser-Land-zuerst-Weltsicht, für die auch der Amerikaner steht, gerade in schroffe Worte gefasst. Die UNO, wetterte er, dürfe keine "Organisation globaler Interessen" sein, sie sei eine Organisation der Vereinten Nationen, wobei die Betonung auf dem Wort Nationen lag. Trump klingt fast schon lustlos, als er wiederholt, was man aus seinem Munde schon oft gehört hat. Sätze wie diese: "Wenn Sie Freiheit wollen, seien Sie stolz auf Ihr Land, wenn Sie Frieden wollen, lieben Sie ihre eigene Nation".

Brasiliens Präsident wies Vorwürfe der Amazonas-Zerstörung zurück und warf westlichen Medien falsche Berichterstattung vor. Dieser Journalist widerspricht ihm auf Twitter.

Um 10.13 Uhr Ortszeit hat er begonnen, nach einer reichlichen halben Stunde ist er fertig. Auch das ist ein eher kurzer Auftritt, gemessen an dem, was sich US-Präsidenten sonst an Redezeit zugestehen, wenn sie zum Auftakt der Generaldebatte rhetorische Pflöcke einschlagen. Man werde "Iran-Bashing" zu hören bekommen, hatten Diplomaten im UN-Hauptquartier kurz zuvor noch orakelt. Tatsächlich wird es statt verbaler Prügel eher ein verbaler Spagat, an dem Trump sich versucht.

Einerseits spricht er düster von der "Mordlust" des iranischen Regimes, kündigt noch schärfere Sanktionen an und verteidigt seine Entscheidung, aus dem "schrecklichen" Atomabkommen auszusteigen. Ohne Umschweife spricht er vom "Angriff Irans" auf Anlagen der Ölindustrie in Saudi-Arabien, nachdem er anfangs, in den ersten Tagen nach der Attacke am 14. September, noch im Vagen gelassen hatte, wen er für den Angreifer hält.

Botschaft an die Hardliner

Andererseits greift Trump, bildlich gesprochen, zum Olivenzweig. Er macht deutlich, wie schwer es ihm fallen würde, eine Militäraktion gegen die Islamische Republik anzuordnen. "Jeder kann Kriege führen", sagt er, "aber nur die Mutigsten können den Frieden wählen". Es sind weniger die im Saal Versammelten, an die sich die Botschaft richtet. Vielmehr sind es republikanische Hardliner in Washington, die ihm in der Iran-Krise mangelnde Entschlossenheit vorwerfen.

Amerika, erklärt der Präsident, kenne keine Feinde für alle Ewigkeit. Staaten, die einst erbitterte Feinde gewesen seien, zählten heute zu Amerikas besten Freunden, schiebt er hinterher, offenbar auf Deutschland und Japan anspielend. Die Anführer Irans hätten nun zu entscheiden, ob sie damit aufhören wollten, anderen Nationen zu drohen. In den Ohren erfahrener Diplomaten klang es nach einer Routine-Übung in Sachen Polemik, nicht unbedingt nach einem Kurs, der unvermeidbar in Richtung Krieg führt.

Anti-Iran-Bündnis gesucht

Was in New York aber auch deutlich wurde: Die Amerikaner zimmern an einem Anti-Iran-Bündnis, das auch die Europäer einschließt – Briten, Deutsche und Franzosen, die den Atomdeal mit ausverhandelt hatten und ihn irgendwie zu retten versuchen. Bereits am Montag waren Boris Johnson, Angela Merkel und Emmanuel Macron einen Schritt auf Washington zugegangen. Nicht nur, dass auch sie die Iraner in einer gemeinsamen Erklärung für die Drohnen- und Raketenattacken aus saudische Ölanlagen verantwortlich machten.

Das Trio rief Teheran auch dazu auf, sich zu Verhandlungen über andere Themen – gemeint sind die auf maximalen Einfluss abzielende Regionalpolitik sowie die Raketenrüstung – bereit zu erklären, was die USA schon seit Langem verlangen. Am weitesten ging Johnson, der britische Premier. "Lasst uns einen besseren Deal schließen", sagte er dem Fernsehsender NBC. "Ich denke, dass es eine Person gibt, die einen besseren Deal schließen kann, und das ist der Präsident der Vereinigten Staaten." Er hoffe, so Johnson, dass es irgendwann einen Trump-Deal mit Teheran geben werde.

Angela Merkel, das kommt überraschend, traf sich am Dienstag nicht nur mit Donald Trump, sondern kurz darauf auch mit Hassan Rohani, dem iranischen Staatschef. Kein Wunder, dass im New Yorker Bienenstock der Diplomatie sofort Gerüchte aufkamen, nach denen die Kanzlerin eine Vermittlerrolle spielen könnte. In der deutschen UN-Vertretung sprach Merkel hinterher diplomatisch routiniert davon, dass sie es natürlich begrüßen würde, wenn Gespräche zwischen den USA und dem Iran in Gang kämen. Es sei aber nicht so, dass erst alle Sanktionen vom Tisch genommen werden müssten, bevor solche Gespräche stattfinden könnten. Das ist bislang die Position der Iraner. "Sicher kein realistischer Ansatz", so Merkel.(Frank Herrmann aus New York, 24.9.2019)