Ein schmelzender Eisberg in Grönland.
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Die Meere und weltweiten Eisvorkommen sind dramatischen Veränderungen unterworfen. Das berichtet der Weltklimarat IPCC in seinem am Mittwoch in Monaco veröffentlichten Sonderbericht über die Ozeane, Gletscher- und Polarregionen. Darin wird der aktuelle wissenschaftliche Kenntnisstand zum Zustand der Weltmeere und der sogenannten Kryosphäre, also der weltweiten Schnee- und Eisvorkommen, zusammengefasst. Das Ergebnis in aller Kürze: Es sieht nicht gut aus.

"Die Erderwärmung hat bereits ein Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter erreicht, und es gibt überwältigende Beweise dafür, dass die Folgen für Ökosysteme und Menschen weltweit schwerwiegend sind", leitete der Weltklimarat die Veröffentlichung ein. Besonders hervorgehoben werden in dem neuen Bericht der Anstieg des Meeresspiegels, der globale Verlust an Eismasse von den Hochgebirgen bis in die Polarregionen, die Erwärmung und Versauerung der Meere sowie die tauenden Permafrostböden.

Tauwetter in Grönland.
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Was für diese Entwicklungen hauptverantwortlich ist, steht für die mehr als 100 Wissenschafter aus 30 Nationen, die den Bericht verfasst haben, außer Zweifel: der durch menschliche Aktivitäten verursachte Klimawandel. Am Dienstag hatte sich der IPCC "nach zwei Jahren Arbeit und einer 27-stündigen Sitzung" auf eine Endfassung geeinigt – gegen Widerstand aus Saudi-Arabien, sagte der französische Klimaforscher Jean-Pierre Gattuso, einer der Autoren des Berichts.

Dramatischer Anstieg des Meeresspiegels

"Es ist faktisch gesichert, dass sich die Ozeane seit 1970 unvermindert erwärmen und mehr als 90 Prozent der überschüssigen Wärme im Klimasystem aufgenommen haben", heißt es in dem Bericht. Das Abschmelzen der Gletscher, der Eisschilde Grönlands und der Antarktis und die wärmebedingte Wasserexpansion trügen seit Jahrzehnten zu einem Anstieg des Meeresspiegels bei, heißt es weiter – und das in dramatischem Tempo: "Während der Meeresspiegel im 20. Jahrhundert insgesamt um etwa 15 Zentimeter angestiegen ist, schreitet die Entwicklung mit derzeit 3,6 Millimetern pro Jahr inzwischen mehr als doppelt so schnell voran." Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte der Anstieg bereits einen Meter überschritten haben und im 22. Jahrhundert jährlich mehrere Zentimeter betragen – selbst wenn die Treibhausgasemissionen drastisch gesenkt würden: "Der Anstieg wird über Jahrhunderte weitergehen."

Das Abschmelzen von Gletschern und Meereis hat einen enormen Anstieg des Meeresspiegels zur Folge.
Foto: AP/Felipe Dana

Schon im Falle einer Erderwärmung um zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter würden Gebiete überflutet, in denen heute noch 280 Millionen Menschen leben. Derzeit ist die Welt allerdings auf dem Weg zu einer Erwärmung um drei bis vier Grad. Küstenregionen müssten sich daher für den Klimawandel wappnen, denn ohne umfangreiche Anpassungsmaßnahmen würden sich die Schäden und Gefahren für Küstengebiete laut IPCC bis 2100 verhundert- bis vertausendfachen.

Versauerung der Meere mit tödlichen Folgen

Die steigenden Meerestemperaturen haben aber auch andere Folgen. Durch die zunehmende Aufnahme von CO2 sinkt der pH-Wert des Wassers, man spricht von Versauerung. Gleichzeitig sinkt die Sauerstoffkonzentration – für viele Meereslebewesen und Ökosysteme eine fatale Entwicklung.

Korallen sind durch die steigenden Meerestemperaturen akut gefährdet.
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Besonders sensibel für diese Entwicklungen sind laut Weltklimarat Korallenriffe und Seeegraswiesen, die zugleich ein Lebensraum für zahlreiche Tiere sowie ein Schutz gegen Sturmschäden an den Küsten sind. Selbst bei einer Erderwärmung um nur 1,5 Grad Celsius könnten dem IPCC-Bericht zufolge 90 Prozent absterben.

Durch die Erwärmung und Veränderung der Lebensräume sei ein Rückgang der globalen Biomasse und Biodiversität von Meerestieren zu erwarten, mit Auswirkungen auf unzählige Ökosysteme, aber auch auf die Fischereiwirtschaft, heißt es im IPCC-Bericht. Davon sei bei allen Emissionsszenarien auszugehen, von der Meeresoberfläche bis in die Tiefsee. Am stärksten betroffen seien die tropischen Regionen, Auswirkungen seien aber überall beobachtbar.

Tauender Permafrost

Ein weiterer Schwerpunkt im Bericht sind die weltweit nachweisbaren Rückgänge der Gletscher und Veränderungen der Permafrostböden. Kleinere Gletscher in Europa, Ostafrika oder den Anden würden schon bis zum Ende des Jahrhunderts mehr als 80 Prozent ihrer heutigen Eismassen verlieren, wenn die CO2-Emissionen nicht drastisch reduziert würden, schreiben die Wissenschafter. Der Rückgang der Gletscher würde nicht nur Auswirkungen auf Ökosysteme im Gebirge haben, sondern auch ganz konkret auf den Menschen: Die Verfügbarkeit und Qualität von Wasser – sei es zum Trinken, für die Landwirtschaft oder für die Wasserkraft – verschlechtere sich.

Instabile Friedhofskreuze in Alaska: Der Boden gibt nach.
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Zudem schrumpfen weltweit die Regionen, in denen der Boden ganzjährig gefroren ist. Laut IPCC drohen bis 2100 zwischen 30 und 99 Prozent der oberen Schichten der Permafrostböden aufzutauen, wenn der CO2-Ausstoß ungebremst fortgesetzt wird. Das hat gleich mehrere gefährliche Folgen: Die Permafrostböden speichern selbst große Mengen der Treibhausgase CO2 und Methan, die dann freigesetzt würden – was wiederum die Erderwärmung verstärke. Auch die Lebensbedingungen von Millionen von Menschen, die in der Arktis leben, verändern sich stark: Überflutungen, Lawinen, Murenabgänge und Schäden an der Infrastruktur nehmen zu.

Die tauenden Böden speichern Mengen an Treibhausgasen.
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Politischer Handlungsbedarf

"Für mich ist das Wichtigste, dass dieser Sonderbericht überhaupt entstanden ist", sagte der Klimaforscher Georg Kaser von der Universität Innsbruck zum STANDARD. Kaser ist der einzige Forscher einer österreichischen Institution, der Mitautor des IPCC-Sonderberichts ist. "Dieser IPCC-Sonderbericht war der erste in der 30-jährigen Geschichte des IPCC, in dem die Gebirge ein eigenes Kapitel bekommen haben. Das ist aus der Österreich-Perspektive etwas ganz Besonderes." Die Gletscherschmelze treffe zunächst kleinere, weniger hohe Gebirge wie die Alpen. Erst später seien große, hohe Gebirge wie der Himalaya oder die Anden betroffen, so Kaser.

Welche politischen Forderungen leiten sich aus dem IPCC-Sonderbericht ab? Für Kaser steht fest: "Die politischen Forderungen sind vor einem Jahr ganz deutlich im Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel formuliert worden. Ein wichtiges Ergebnis des jetzigen Berichts betrifft die Vorgänge am Rande der Westantarktis. Innerhalb kurzer Zeit könnte eine dynamische Kettenreaktion zu einem enormen Anstieg des Meeresspiegels führen. Daraus sehe ich die schon im 1,5-Grad-Bericht geforderten politischen Maßnahmen ganz stark untermauert."

Die Autoren zeigen in dem Bericht auch auf, über welche Handlungsspielräume die Politik verfügt, um die prognostizierten Entwicklungen zu begrenzen. Immerhin wird die Endfassung von allen 195 Mitgliedsstaaten des Weltklimarats getragen, auch wenn das nicht ganz einfach gewesen sein dürfte: Die Einigung erfolgte in einer 27-stündigen Sitzung nach langem Widerstand aus Saudi-Arabien. (David Rennert, Tanja Traxler, 25.9.2019)