Donald Trump brach Tabus und erntete Erfolg. Der Gruppenzwang des politisch Korrekten hat versagt.

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Machen Populisten nur salonfähig, was in weiten Teilen der Gesellschaft unter der Oberfläche brodelt? Oder überzeugen Donald Trump und Co mit ihren Tiraden die moderate Mitte von ihren Ansichten? Diesen und ähnlichen Fragen geht der Jungprofessor Leonardo Bursztyn von der University of Chicago mit Experimenten nach. Ob Gruppenzwang, Rollenbilder oder schlicht Ahnungslosigkeit: Wie Menschen das allgemeine Meinungsklima beurteilen, hat starken Einfluss auf ihr eigenes Verhalten, berichtet er.

STANDARD: Ist Gruppenzwang per se schlecht?

Bursztyn: Ob das schlecht ist, hängt von der Weltanschauung und vom Einzelfall ab. Wenn wir davon ausgehen, dass eine selbstständig getroffene Entscheidung falsch ist, dann wäre es bevormundend, durch sozialen Druck Einfluss auf das Verhalten zu nehmen. Lange Zeit wurde Rassismus auf diese Weise zurückgedrängt. Gruppenzwang führte zu einer toleranteren Gesellschaft.

STANDARD: Erfolgreiche Populisten begehren seit Jahren gegen das "politisch Korrekte" auf. Ging diese Bevormundung nach hinten los?

Bursztyn: Über viele Jahre hielten sich Menschen mit ausländerfeindlichen Meinungen für eine Minderheit. Das politische Klima gab ihnen zu verstehen, sie seien die Ausnahme. Folglich hielten sich viele in der Öffentlichkeit bewusst zurück. Wenn ein Kandidat wie Donald Trump plötzlich eine Grenzmauer fordert und damit Erfolge feiert, entsteht der Eindruck, dass seine rassistischen Ansichten populär sind. Damit fallen auch die Vorbehalte, sich öffentlich in ähnlicher Art zu äußern. Wir haben diesen Prozess auf der ganzen Welt dokumentiert.

STANDARD: Sie machen das mit Experimenten im Labor?

Bursztyn: Wir haben Probanden in unterschiedlichen Gruppen zunächst mitgeteilt, wie populär Donald Trump in ihrer Nachbarschaft ist. Dann gaben wir manchen die Option, für eine Anti-Migration-Organisation zu spenden; manche konnten das anonym, andere mussten öffentlich zur Spende stehen. Die Spende öffentlich zu machen hat natürlich viele abgeschreckt. Doch jene, die wussten, dass Trump in ihrer Gegend populär ist, waren wesentlich spendabler.

STANDARD: Lautet das Fazit also: Ausländerfeindlichkeit bleibt seit langem gleich, in letzter Zeit trauten sich mehr damit an die Öffentlichkeit?

Bursztyn: Nicht unbedingt. Menschen ändern ihre Meinung auch. Wenn rassistische Botschaften Gehör finden, können sie mehr Leute überzeugen. Auch jene, die eine Meinung nicht teilen, verharmlosen solche Äußerungen, wenn sie als Mainstream wahrgenommen werden. Wir haben diesen Vorgang auch sehr gut experimentell nachvollzogen. Es ist gefährlich, wenn intolerante Meinungen zunehmend zur Norm werden.

STANDARD: Wie lassen sich Normen ändern?

Bursztyn: Manchmal geht es einfach: Wenn eine Meinung weiter verbreitet ist, als die meisten glauben, kann das gesellschaftlichen Wandel blockieren. Wir haben dazu einen Versuch in Saudi-Arabien gemacht: In Befragungen sind wir draufgekommen, dass eine Mehrheit der Männer dafür ist, dass Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen. Doch hielten sie diese Ansicht für eine unpopuläre Meinung. Man nennt das pluralistische Ignoranz. Sobald wir Teilnehmern gesagt haben, dass in ihrer Nachbarschaft viele ähnlich denken, ist die regionale Beschäftigung von Frauen gestiegen.

STANDARD: Sollten Politiker ihre Ideen besser mit Umfragen abgleichen, um zu zeigen, dass sie dem Volkswillen entsprechen?

Bursztyn: Ja. Wir wissen zu selten, wie wahrheitsgetreu Menschen die allgemeine Meinung einschätzen, vor allem auf die Nachbarschaft heruntergebrochen. Wenn es nur daran hakt, dass sich eine Mehrheit fälschlicherweise in der Minderheit wähnt, reicht ordentliche Aufklärungsarbeit.

STANDARD: Aber was tun, wenn eine Kultur vorherrscht, die negativen Gruppendruck aufbaut?

Bursztyn: Wir haben das in Schulen erforscht. Unsere Experimente zeigen, dass Schüler aus Gruppenzwang heraus eher auf Ausbildungschancen verzichten. Konkret bezahlten wir Kurse für die SATs (standardisierte Tests bei Uni-Aufnahmeverfahren, Anm.). Wenn öffentlich bekanntgegeben wird, wer sich dafür anmeldet, hielten sich mehr Schüler zurück – traurig, aber wahr.

STANDARD: Weil Streber uncool sind?

Bursztyn: Nicht immer, und das ist der Knackpunkt. Es kommt auf das Umfeld an, warum sich Schüler Chancen entgehen lassen. In Schulen mit mehr Kindern aus niedrigen Einkommensschichten wird tatsächlich akademische Strebsamkeit als uncool wahrgenommen. In Schulen mit mehr Kindern von Besserverdienern hielt eher die Angst vor dem Scheitern davor ab, eine Chance wahrzunehmen.

STANDARD: Sowohl ein leistungsorientiertes Umfeld als auch eines, das Leistung abwertet, können junge Menschen von Bildungschancen abhalten. Eine Zwickmühle?

Bursztyn: Je nach Umfeld muss man anders reagieren. Zum Beispiel: Ein Bildungsangebot in einer Leistungskultur als "Hilfsprogramm" zu bezeichnen könnte abschreckend wirken. Daran teilzunehmen könnte Schülern peinlich sein. "Begabtenförderung" könnte attraktiver wirken. Aber in einem leistungsfeindlichen Umfeld wäre das kontraproduktiv. Man muss den Mechanismus des Gruppenzwangs genau kennen.

STANDARD: Sie haben auch erforscht, wie sich Frauen selber heruntermachen, um bei Männern besser anzukommen ...

Bursztyn: Dabei ging es um die Frage, wie sich Geschlechterdynamiken auf potenziell wichtige Karriereentscheidungen auswirken. Wir wissen zumindest für die USA, dass die meisten Männer es nicht gerne haben, wenn ihre Partnerin ambitionierter ist und besser verdient. Wir haben im Experiment festgestellt, dass sich Singlefrauen das zu Herzen nehmen.

STANDARD: Wie äußert sich das?

Bursztyn: Ausgangspunkt war die Frage, ob Singlefrauen in öffentlichen Situationen ihre wahren Karriereambitionen verschleiern, um attraktiver für potenzielle Partner zu wirken. Also haben wir ein Experiment mit Studenten eines elitären Managementprogramms gemacht. Das Umfeld war ideal, weil hier sehr karriereorientierte Menschen aufeinandertreffen, aber auch Beziehungen entstehen. Wir fragten die Teilnehmer etwa, was sie in ihrem ersten Job verdienen wollen. In einer Gruppe stellten wir vorweg klar, dass die Antworten öffentlich sichtbar gemacht würden. In einer anderen Gruppe wurde versichert, dass die Angaben vertraulich behandelt werden. Bei Singlefrauen machte das einen Riesenunterschied.

STANDARD: Ob ihre Mitstudenten über ihre Ambitionen erfahren?

Bursztyn: Genau. Unter Singlefrauen, die ihre Ziele unter Diskretion angaben, fiel das erhoffte Einstiegsgehalt rund 20.000 Dollar höher aus als bei jenen, die wussten, dass ihre Mitstudenten das später erfahren. Der Effekt wird stärker, wenn den Frauen bewusst ist, dass unter ihren männlichen Mitstudenten viele Singles sind. Dieses Verhalten tritt nur bei Singles auf. Frauen mit festem Partner machten keinen Hehl draus, was sie verdienen wollen.

STANDARD: Wollen umgekehrt Männer öffentlich ambitionierter wirken, als sie sich privat geben?

Bursztyn: Das haben wir so nicht festgestellt. Es sind wirklich Frauen, die hier das Opfer bringen und für den sozial gewünschten Abstand sorgen.

STANDARD: Wieso interessieren sich Ökonomen für solche Fragen?

Bursztyn: In der Wirtschaftswissenschaft geht es darum, wie Marktteilnehmer auf diverse Anreize reagieren. Wir verwenden ökonomische Theorie, um Experimente zu designen, die das Verhalten besser erklären. Daraus lassen sich manchmal politische Maßnahmen ableiten. Aber meine Arbeit ist meist wirklich deprimierend.

STANDARD: Weil Sie etwas über die Natur des Menschen enthüllen, was Sie lieber nicht gesehen hätten?

Bursztyn: Ja. Ich glaube, das kann man so stehen lassen. (Leopold Stefan, 26.9.2019)