Der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac ist am Donnerstag verstorben.

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Jacques Chirac war vieles, Staatschef und Bürgermeister von Paris, Strippenzieher und Lebemann. Aber vor allem war er Frankreich. Als guter Gaullist wollte er einen starken Staat wie Urvater Charles de Gaulle, der nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Wirtschaftszweige verstaatlicht hatte, und dazu eine starke Nation – eben die Grande Nation französischen Anspruchs. Deshalb ordnete Chirac nach seiner Wahl ins Elysée im Jahr 1995 gleich einmal gegen den Protest der ganzen Welt neue Atomversuche im Pazifik-Atoll Mururoa an. Es sollten die letzten sein.

Fast ein Vierteljahrhundert später wäre es spannend, sich zu fragen, wie ein patriarchalischer Politik seines Schlages heute Politik machen würde. Wären seine Schürzenjagden in MeToo-Zeiten noch drin? Sicher nicht. Würde er einem Donald Trump die Stirn bieten, anstatt sich ihm wie Emmanuel Macron anzubiedern? Immerhin hatte Chirac im Golfkrieg 2003 den Amerikanern standfest die Stirn geboten, statt in die "Achse der Guten" einzutreten. Wäre er dafür umso anfälliger für starke Mannen wie Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan? Auch das kaum: Der große Schulterklopfer im Elysée hielt durchaus auf diplomatisch korrekte Umgangsformen.

Diese Frage zeigen indirekt auf, dass Chirac, dieser für Frankreich letzte Staatschef der alten Schule, und damit seine Art des Politisieren vielleicht ins 20. Jahrhundert passten, aber nicht mehr in die rasende Gegenwart. Und das im Guten wie im Schlechten: Mit seinen politischen und amourösen Affären käme Chirac im voll angelaufenen 21. Jahrhundert nicht mehr weit. Umgekehrt täten viele seiner Nachfolger gut daran, ein Stück seines bedächtigen, uneitlen und bodenständigen Politstils für sich abzuschneiden.

Chirac machte sich oft lächerlich, aber wenn es darauf ankam, war auf ihn zu zählen. Letzteres lässt sich heute nicht von vielen Weltpolitikern sagen. Chiracs Tod offenbart, wie stark, radikal und wohl unwiderruflich sich die politischen Sitten in den letzten zwanzig Jahren verändert haben. Auch daher rührt die Nostalgie der Franzosen für ihren verstorbenen Onkel Jacques. (Stefan Brändle, 26.9.2019)