Schmirgeln für eine bessere Zukunft: Auf dem Weg zur Lehrstelle von Ali galt es, schwere Bretter aus dem Weg zu räumen. Heute ist der 22-Jährige fixer Bestandteil des Teams der kleinen Tischlerei in Aschach.

Land OÖ / Lisa Schaffner

Linz – Ali lässt es an diesem Spätsommertag arbeitsmäßig so richtig schleifen. Das Auftragsbuch der kleinen Tischlerei Krbecek im oberösterreichischen Aschach an der Donau weist aktuell die Einrichtung für einen Weinkeller aus, Eiche massiv – und für den nötigen Feinschliff sorgt der 22-jährige Lehrling. Seit August arbeitet der Asylwerber aus Afghanistan in dem Familienunternehmen. Der Weg bis zum ersten Arbeitstag war aber ein mühsamer. Und das Ehepaar Krbecek hat dabei erfolgreich rechtliches Neuland betreten.

Nachwuchsprobleme

Gut zwei Jahre war man auf der Suche nach einem zweiten Lehrling. Doch am heimischen Arbeitsmarkt fand sich, trotz intensiver Suche, keine hölzerne Nachwuchshoffnung. Fündig wurde man dann abseits der Hobelbank: Michaela Krbecek hält im Ort ehrenamtlich Deutschkurse für Asylwerber ab – und kam dabei mit Ali ins Arbeitsgespräch.

Der junge Mann zeigte deutliches Interesse an einer Tischlerlehre, und die Krbeceks waren bereit, Ali die Werkstatttüren zu öffnen. Nichtsahnend, dass noch gut elf zermürbende Monate vergehen sollten, ehe der 22-Jährige seine Lehre starten konnte.

Die Euphorie erhielt nämlich gleich zu Beginn durch ein klares Nein vonseiten des AMS einen deutlichen Dämpfer. Aufgrund eines Erlasses der früheren Sozialministerin Beate Hartinger-Klein wurde keine Beschäftigungsbewilligung erteilt.

Der Beschwerde der Firma wurde aber vom Bundesverwaltungsgericht Folge gegeben: Die Verweigerung würde "gegen unmittelbar anwendbares EU-Recht verstoßen". Dem AMS erteilte das Gericht auch den Auftrag, ein sogenanntes Ersatzkraftverfahren durchzuführen, also zu prüfen, ob es für die Stelle eine inländische oder gleichgestellte Ersatzkraft gebe.

Dicke Bretter

Mit besagter Prüfung nahm man es dann offenbar besonders genau: Gleich zwei Ersatzkraftverfahren wurden durchgeführt. An der Weisung des Sozialministeriums an das AMS, keine Beschäftigungsbewilligung zu erteilen, änderte dies aber nichts.

Doch als Tischlerehepaar sind es die Krbeceks gewöhnt, entsprechend dicke Bretter zu bohren. "Da hat es uns so richtig gereicht. Wir lassen uns doch als Betrieb nicht vorschreiben, ob wir nun einen Lehrling einstellen oder nicht. Da können wir gleich zusperren", ärgert sich Michaela Krbecek im STANDARD-Gespräch. Die Unternehmer beauftragen die St. Pöltner Rechtsanwältin Michaela Krömer. Diese brachte eine Säumnisbeschwerde ein – wor aufhin das AMS nach einem dritten Ersatzkraftverfahren letztlich die Beschäftigungsbewilligung erteilte. In zwei weiteren Verfahren sind aktuell Revisionen beim Verwaltungsgerichtshof anhängig.

Krömer sieht ein Problem vor allem darin, dass es sich bei Asylwerbern um eine "sehr schwache Gruppe" handle. "Betroffene haben meist keine große Lobby. Da wird dann versucht, die Verfahren entsprechend hinauszuzögern."

Blaues Geld

Kurioses Detail: Finanziert wurde der Rechtsweg mit Teilen jener Entschädigungszahlung, zu der der – mittlerweile auf Ibiza gestrauchelte – ehemalige FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus nach der Verleumdung eines Lehrlings verurteilt wurde.

Das gern herangezogene Argument, dass heimische Lehrstellen auch mit heimischen Lehrlingen besetzt werden sollten, kann Gerhard Krbecek nicht mehr hören: "Natürlich hätte ich auch gerne den Lehrling aus der Region, der mir ein ausgezeichnetes Schulzeugnis auf den Tisch legt. Nur gibt es diese Leute nicht." Fünf Tischlerlehrstellen seien in der Region vakant gewesen: "Gemeldet hat sich aber niemand."

Angst, durch das Engagement im Flüchtlingswesen eventuell Kunden zu verlieren, hatte das Ehepaar zu keinem Zeitpunkt: "Wir brauchen als kleines Unternehmen gute Fachkräfte. Und die wollen wir uns selber ausbilden. Das war auch im Fall von Ali unser Zugang." Vonseiten der Kunden habe es bis dato noch keine negativen Reaktionen gegeben.

Oberösterreichs Integrationslandesrat Rudi Anschober (Grüne) sieht sich als Initiator der Plattform "Ausbildung statt Abschiebung" bestätigt: "Die Zwischenerfolge zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich hoffe auf eine rasche und effektive Lösung, die ein Aufenthaltsrecht schafft, das eine Möglichkeit bietet, eine begonnene Ausbildung abzuschließen und dem Betrieb für eine Zeit erhalten zu bleiben."

Bewegung kam in die heikle Debatte jüngst auch im Nationalrat. Dort wurde mehrheitlich ein Entschließungsantrag verabschiedet, mit dem der Nationalrat den Innenminister auffordert, eine entsprechende gesetzliche Grundlage zu schaffen. Aktuell machen 881 Asylwerber eine Lehre in Österreich. (Markus Rohrhofer, 27.9.2019)