DER STANDARD

Beim blauen Wahlkampffinale am Viktor-Adler-Markt tönte wenige Sekunden vor den Auftritten von Herbert Kickl und Parteichef Norbert Hofer "Braungebrannte Haut" aus den Boxen der John Otti Band. Dass sich in jenem Lied unter anderem die Songzeilen "Eine Sünde wert war diese Nacht" gefolgt von "nirgendwo auf Ibiza habe ich ihn später mal gesehen" verstecken, war reiner Zufall, versicherte der Leadsänger und Einpeitscher vom Dienst dem STANDARD. Tatsächlich ist bei der freiheitlichen Wählerschaft Ibiza nicht mehr als eine Randnotiz. Eine "blöde b‘soffene G‘schicht", aber es sei ja nichts herausgekommen. Das sagen nicht nur viele Wähler, sondern immerhin auch die Wiener FPÖ-Spitzenkandidatin Dagmar Belakowitsch. "Erst wenn keiner mehr für die FPÖ antritt, werde ich nicht mehr diese Partei wählen", zeigte sich eine FPÖ-Wählerin skandalresistent.

Nepp, Hofer und Kickl schwenkten wieder einmal fleißig die Fahnen.
Foto: Der STANDARD / Christian Fischer

Nach einer politischen Bombe wie dem Ibiza-Video brauchte es eine extrem gute Erzählung, um bei den Neuwahlen nicht abzustürzen und lange Zeit hatte die FPÖ diese gut im Griff: Ein "unentschuldbares" Verhalten, das irgendwie aber doch jedem passieren könnte. Kriminelle Netzwerke, womöglich gar Auslandsgeheimdienste, die den Parteiobmann in eine böse Falle gelockt hätten. Und eine "machtbesoffene" Volkspartei unter Führung von Bundeskanzler Sebastian Kurz, die dem "besten Innenminister aller Zeiten" Herbert Kickl sein Ministerium wieder wegnehmen wollte. Und das obwohl alle die notwendigen Konsequenzen gezogen hätten.

Strache ist omnipräsent

Vier Monate später muss man resümieren: Ja, Johann Gudenus hat tatsächlich die Reißleine gezogen, meldete sich fast nie mehr zu Wort. Am blauen Parteitag und beim Wahlkampffinale fiel sein Name kein einziges Mal. Doch der Name Strache, der nach dem Skandal zum einfachen Parteimitglied degradiert, nicht aber aus der Partei ausgeschlossen wurde, konnte und sollte nicht so leicht ein Kapitel in den Parteigeschichtsbüchern werden.

Weniger als sonst, aber dennoch immer noch zahlreich – die Hardcore-Fans der FPÖ.
Foto: Der STANDARD / Christian Fischer

Denn Strache war im gesamten Wahlkampf omnipräsent. Sei es durch seine Vorzugsstimmen bei der EU-Wahl, die ihm ein Mandat in Brüssel erteilt hätten. Oder aber auch durch den mutmaßlichen Deal, der für Straches Verzicht seiner Ehefrau Philippa einen aussichtsreichen Listenplatz für die Nationalratswahl zusicherte. Kaum jemand leugnet noch, dass er in den Startlöchern für ein Polit-Comeback steht. Ob das nach Auffliegen der Spesen-Affäre in Reihen der FPÖ aber so leicht wird, ist fraglich. Sogar FPÖ-Klubobmann Harald Vilimsky gibt am Rande des Wahlkampffinales zu, dass Straches Querschüsse im Wahlkampffinish der Partei definitiv nicht helfen.

Ein ehemaliger Sicherheitsbeauftragter Straches sammelte jahrelang Beweise und plauderte diese Interna nun aus. Der Ex-FPÖ-Chef soll neben einem üppigen 10.000-Euro-Spesenkonto für sein Büro zahlreiche private Rechnungen als Parteispesen deklariert haben. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die FPÖ prüft, will bei regelwidriger Verwendung von Spesengeldern Strache nach der Wahl womöglich sogar ausschließen – zu hoch der politische Ballast für eventuelle Koalitionsgespräche.

ORF

Strache soll der drohende Rauswurf ärgern. Mittlerweile munkelt man gar, dass die Infos über den Hofer‘schen Sicherheitszaun in Pinkafeld, der ebenfalls über FPÖ-Spesen abgerechnet worden sein soll, von Strache direkt kam. Den Zaun habe es aber nur gebraucht, weil "Rot-Grün einen Grenzzaun rund um Österreich verhindert habe", scherzte Wiens FPÖ-Chef Dominik Nepp von der Bühne.

Angst vor dem Absturz

Und trotzdem: jeder befragte Funktionär und FPÖ-Fan gibt zu, dass die Enthüllungen zu einer verdächtigen Unzeit kommen. Anmerken lassen wollte sich die blaue Doppelspitze davon nichts. "Ohne uns kippt Kurz nach links" riefen sie der johlenden Menge zu und gaben sich kämpferisch: Der ehemalige Innenminister Herbert Kickl machte unmissverständlich klar, dass er das Innenministerium wieder für sich beansprucht, denn: "Mich nimmt niemand an die kurze Leine". Als erste Amtshandlung werde er in den Keller des Ministeriums gehen, das "Ausreisezentrum"-Schild suchen und dieses wieder an den Erstaufnahmezentren anbringen.

Kickl teilte wieder einmal ordentlich aus.
Foto: Der STANDARD / Christian Fischer

Die verbalen Rundumschläge Kickls trafen dabei wieder mal nicht nur Ausländer, die Kirche oder Journalisten. Auch die Kollegen anderer Parteien bekamen wie gewohnt ihre Breitseite ab. Manchmal verknüpfte er die Themen auch, wenn er sagte die SPÖ hätte mit Pamela Rendi-Wagner nur deshalb eine Tropenmedizinerin an die Spitze gehievt, weil ganz Europa unter einer linken Regierung von Afrikanern überschwemmt werde.

Die neue Doppelspitze mit dem freundlich wirkenden Norbert Hofer und dem rhetorisch-harten Rechtsausleger Herbert Kickl scheint zu funktionieren, manch einer vermisst Strache aber dennoch. "Er war einfach der Beste. Aber der Hofer ist auch nicht schlecht. Er redet so nett", sagt ein Rentner.

Hofer, der noch am Donnerstag vor einer "Zöpferl-Diktatur" warnte, will sich von Greta Thunberg nicht vorschreiben lassen "wie wir zu leben haben". Welche Stimmung er damit sät, muss dem FPÖ-Chef klar sein. Ein FPÖ-Fan schimpfte wenig später: "Die schaut mit ihren Zöpfen ja aus wie ein Nazikind aus dem Bund Deutscher Mädchen. Saublöd ist die!" (Fabian Sommavilla, 27.9.2019)