Noch verdient der Öl- und Gaskonzern Mol im angestammten Bereich – im Bild ein Ausschnitt der Raffinerie am ungarischen Standort Százhalombatta – viel Geld. Rechtzeitig will sich Ungarns größtes Unternehmen nun fitmachen für die Zukunft und investiert kräftig in Spezialprodukte der Petrochemie.

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Manchmal spielt der Zufall Regie, und der lässt sich bekanntlich nicht steuern. Das zeigte sich einmal mehr am Freitag dieser Woche. Guido Kerkhoff, erst vor etwas mehr als einem Jahr an die Spitze des deutschen Anlagenbauers Thyssenkrupp gerückt, hätte mit dem Vorstandschef von Mol, Zsolt Hernádi, offiziell den Grundstein für einen Petrochemiekomplex gewaltigen Ausmaßes legen sollen.

Hernádi, Auslober des 1,2 Milliarden Euro schweren Auftrags, war denn auch pünktlich zur Stelle. Wer nicht nach Tiszaújváros kam, war Kerkhoff. Der Aufsichtsrat des schon seit längerem mit schweren Problemen kämpfenden Essener Industriekonzerns Thyssenkrupp hat dem 51-jährigen Manager kurzerhand das Vertrauen entzogen und ihn gefeuert.

Polyol-Produktion in Tiszaújváros

Dabei ist der Aufbau einer Polyolproduktion in dem ostungarischen Städtchen Tiszaújváros selbst für Thyssen-Verhältnisse nicht alltäglich, zumindest was das Geschäftsfeld Chemie bzw. Petrochemie betrifft. In Europa gebe es derzeit kein Projekt in dieser Größenordnung, hatte tags zuvor in Budapest Sami Pelkonen, Chef des Chemieanlagenbaus bei der Thyssenkrupp-Tochter Industrial Solutions, dem STANDARD offenbart. Für Mol handelt es sich um die größte Einzelinvestition in der mehr als 80-jährigen Geschichte des Unternehmens.

Erst gut zehn Jahre ist es her, dass die OMV Pläne begraben musste, den ungarischen Konkurrenten aufzuschnupfen. Der Übernahmeversuch ist in Budapest damals als feindlich eingestuft und entsprechend torpediert worden. Nun läutet das größte Unternehmen des Landes, das zuletzt mit 26.000 Mitarbeitern und 19 Milliarden Euro Umsatz knapp 2,7 Milliarden Gewinn (Ebitda) gemacht hat, selbst ein neues Kapitel ein.

Plastikrecycling

Der teilstaatliche Öl- und Gaskonzern will sich fit machen für eine Zukunft, in der fossile Brennstoffe zwar noch eine Rolle, aber bei weitem nicht mehr eine so prominente und dominante spielen werden wie im vergangenen halben Jahrhundert. Mol drängt angesichts der intensiver werdenden Klimadebatte, rückläufiger Spritverkäufe und eines sich insgesamt ändernden Konsumentenverhaltens in neue Geschäftsfelder wie Car- und Bikesharing oder Recy cling von Plastikabfällen.Einstieg ins Plastikrecycling. Letzteres wird derzeit in einer Pilotanlage eines erst im heurigen Frühjahr erworbenen Recyclers in Deutschland (Aurora) geprobt. Dort wird mittels chemischer Behandlung aus Altplastik Ausgangsmaterial für neue Kunststoffe. Nächstes Jahr will man die finale Entscheidung fällen, wo ein Kunststoffrecyclingwerk für ganz Un garn idealerweise gebaut werden soll, sagte Ferenc Horváth, der bei Mol für Raffinerien, Vertrieb und Marketing (Downstream) zuständige Vorstandsdirektor.

In der Wiederverwertung von Plastik, die in den Ländern Südosteuropas anders als im Westen noch nicht zwingend vorgeschrieben ist, sieht Mol jedenfalls einen Zukunftsmarkt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil der gesellschaftliche Druck zu einer fachgerechten Entsorgung angesichts steigender Plastikberge in der Region steige.

Ausbau der Petrochemie

Ein Eckpfeiler der von der Mol-Chefetage bereits vor drei Jahren formulierten "Vision 2030" ist aber die Stärkung des Petrochemiestandbeins. Die Ungarn stehen damit aber nicht allein. Alle namhaften Mineralölkonzerne inklusive OMV suchen ihr Heil in einer Verlängerung der Wertschöpfungskette. Man will aus Kohlenwasserstoffen mehr herauszuholen, vor allem mehr Geld.

Mol verfügt über vier Raffinerie- und zwei Petrochemiestandorte, darunter jenen noch in kommunistischer Zeit bei Tiszaújváros, knapp 160 Kilometer nordöstlich von Budapest, aus dem Boden gestampften. Dort soll auf einem 600 mal 900 Meter großen Gelände, das locker 50 Fußballfelder aufnehmen könnte, ab Mitte 2021 mit der Produktion von Polyol begonnen werden. Polyol ist ein wichtiger Ausgangsstoff für Produkte der Automobil-, Bau-, Verpackungs- und Möbelindustrie. "Wir werden der einzige integrierte Hersteller dieses Halbfabrikats in Mitteleuropa sein", sagte Horváth.

Produkt mit deutlich höherem Marktpreis

Das Produkt verspreche deutlich höhere Einnahmen als Massenware wie Polyethylen oder Polypropylen, zudem schwankten die Preise im langjährigen Durchschnitt um den Faktor zehn weniger. Mit einer Kapazität von rund 200.000 Tonnen wird die neue Anlage etwa ein Siebentel der europäischen Nachfrage decken, die auf rund 1,4 Millionen Tonnen geschätzt wird. Global sei der Polyolmarkt derzeit rund sieben Millionen Tonnen schwer, bei Wachstumsraten von rund vier Prozent per annum, sagte Horváth.

Auch was die Gewinnentwicklung betrifft, erwartet Mol durch die Polyolproduktion einen kräftigen Schub. Lag der Ergebnisbeitrag der gesamten Petrochemie 2018 bei umgerechnet 297 Millionen Euro, soll allein Polyol im Jahr 2023 etwa 137 Millionen Euro an zusätzlichem Ebitda generieren. (Günther Strobl, 27.9.2029)