Für Boris Johnson könnte es auch abseits der Brexit-Debatte eng werden.

Foto: Reuters / Henry Nicholls

Jahrelang hat Boris Johnson seine Vorgänger in Partei- und Staatsamt gequält und zuletzt auf den alljährlichen Treffen der Konservativen Theresa May das Leben zur Hölle gemacht. Beim Parteitag in Manchester dreht sich seit Sonntag alles nur um den neuen Premierminister, die begeisterte Zustimmung des Fußvolks ist ihm sicher, Konkurrenten sind nicht in Sicht.

Allerdings plant nun die Opposition neue Initiativen gegen den Premierminister, nachdem vergangene Woche der Supreme Court die von Johnson beschlossene fünfwöchige Zwangspause fürs Parlament mit sofortiger Wirkung als "unrechtmäßig" aufgehoben hatte. Die Chefin der walisischen Nationalistenpartei Plaid Cymru, Liz Saville Roberts, berichtete britischen Medien am Sonntag von Plänen, ein Impeachmentverfahren gegen Johnson einzuleiten. "Er darf nicht einfach so davonkommen mit seinem Gesetzesbruch", erklärte die Politikerin.

Gelegenheit für eine gemeinsame Initiative mit den größeren Oppositionsparteien besteht bereits zu Wochenbeginn; anders als sonst üblich hat das Unterhaus einem kurzen Urlaub während des Tory-Parteitags seine Zustimmung verweigert. Mitglieder der Minderheitsregierung und der sie tragenden Fraktion leben also bis Mittwoch, dem Tag der geplanten Abschlussrede Johnsons, stets auf Abruf, sollte es in London zu entscheidenden Abstimmungen kommen.

Politische Unterstützung für Geliebte

Ein Impeachment, ebenfalls von Plaid Cymru vorgeschlagen, gegen Labour-Premier Tony Blair wegen der britischen Beteiligung am Irak-Krieg verlief 2004 im Sand. In einer Kolumne für den Daily Telegraph unterstützte Johnson damals die Initiative, Blair habe "Parlament und Öffentlichkeit mit Verachtung behandelt". Ähnliche Vorwürfe werden nun gegen Johnson erhoben, nicht zuletzt, weil er der Opposition die "Kapitulation" gegenüber der EU vorwirft und Kritik an seinen Kraftausdrücken und deren Konsequenzen, darunter Morddrohungen gegen weibliche Abgeordnete, als "Humbug" verwirft.

Zudem berichteten aber die Sonntagszeitungen über zwei private Verstrickungen, die dem Politiker zum Verhängnis werden könnten. Eine junge amerikanische Geschäftsfrau, deren Unternehmen der damalige Londoner Bürgermeister Johnson mit Staatsgeldern unterstützte, sei dessen Geliebte gewesen, schreibt die Sunday Times. Dem konservativen Blatt zufolge war Johnson während seiner Zeit als Stadtoberhaupt (2008-16) häufiger Besucher in der Wohnung des früheren Models Jennifer Arcuri, trat bei Veranstaltungen von Arcuris Cybertech-Firmen auf und ließ sie trotz Einwänden der Fachleute an drei Handelsreisen teilnehmen.

In diesem Jahr erhielt die 34-Jährige umgerechnet 113.000 Euro aus einem Fonds für Cybersecurity-Experten, die auf der Insel ansässig sind. In Wirklichkeit war das frühere Model aber bereits im Juni 2018 in ihre Heimat zurückgekehrt. Das Verhältnis von Johnson und Arcuri wird nun vom Londoner Stadtrat sowie von der Polizeiaufsichtsbehörde untersucht. Nachfragen der BBC wehrte Johnson am Sonntag ab.

Wetten auf Kursverfall

Mindestens ebenso explosiv wie die angebliche Vermengung seines Liebeslebens mit geschäftlichen Interessen ist ein Statement des früheren Finanzministers Philip Hammond. Dem zufolge wird der Premierminister von "Spekulanten" unterstützt, die ein Interesse an einem chaotischen EU-Austritt ("No Deal") haben: "Aus ihrer Sicht kann es nur einen No Deal geben, der die Währung abstürzen und die Inflation hochschnellen lässt." Diese Banker und Hedgefonds-Manager in der City of London könnten beruhigt sein, fügte Hammond in einem Beitrag für The Times süffisant hinzu, schließlich gebe es "keinerlei Anzeichen" dafür, dass die Regierung ernsthaft an einer Verabredung mit der EU interessiert sei.

Hammond nannte keine Namen. Bekanntlich zählt der Hedgefondsmanager Crispin Odey zu Johnsons finanziellen Unterstützern. Der 60-Jährige gehörte früher zu den Spendern der EU-feindlichen Partei Ukip. Zu Jahresbeginn meldeten Medien, Odeys Fonds habe auf einen Verfall des britischen Pfunds gesetzt. Die Währung hat seit der Austrittsentscheidung rund zehn Prozent ihres Wertes verloren.

Johnson wird in den nächsten Tagen viel über neue Investitionen in Schulen, Krankenhäuser und Verkehrsinfrastruktur reden. Doch der Redner selbst, seine konservativen Claqueure und das Land wissen: Von Bedeutung für seine Zukunft ist neben möglichen Verstrickungen privater Art ausschließlich die Frage des EU-Austritts. (Sebastian Borger aus London, 29.9.2019)