Das letzte Bild von Jamal Khashoggi, beim Betreten des Konsulats.

Foto: CCTV/Hurriyet via AP

Als am 3. Oktober 2018 die Abgängigkeit von Jamal Khashoggi bestätigt wurde und DER STANDARD ein Porträt des saudischen Publizisten vorbereitete, war er bereits einen Tag lang tot. Am wahrscheinlichsten schien es damals, dass er nach Saudi-Arabien verschleppt worden war: Seine Verlobte Hatice Cengiz hatte vergeblich vor dem saudischen Generalkonsulat in Istanbul gewartet, das er zuvor betreten hatte.

Die oft gestellte Frage, warum Khashoggi die saudische Vertretung überhaupt betreten hatte, ist leicht zu beantworten: Niemand, auch ein Insider wie Khashoggi nicht, rechnete mit dem, was geschehen würde – dass er ins Konsulat gelockt wird, wo ein eingeflogenes Mordkommando wartet, um ihn umzubringen und seine Leiche zu zerstückeln und verschwinden zu lassen.

Warnung und Einschüchterung

Das Vorgehen der Saudis macht überhaupt nur Sinn, wenn das spurlose Verschwinden Khashoggis als ultimative Warnung und Einschüchterung aller anderen saudischen Dissidenten im Ausland gedacht war. Nicht einfach abgeknallt auf offener Straße, verschwunden. Der Spielverderber war in diesem Fall der türkische Geheimdienst, der das Konsulat abhorchte. Die Türken hörten nicht live mit, man griff erst auf die Audios zurück, nachdem Hatice Cengiz in höchsten türkischen Regierungskreisen Alarm geschlagen hatte.

Die BBC hat zwei Personen interviewt, die diese Aufnahmen gehört haben, die britische Anwältin Helen Kennedy und die UN-Sonderberichterstatterin für außergerichtliche Tötungen, Agnès Callamard. Was sie berichten, widerspricht der ersten saudischen Darstellung – nach längerem Leugnen -, dass der Tod Khashoggis quasi ein Unfall war. Die Bänder führten auch dazu, dass Callamard die Tat als "Staatsmord" einordnete. Sie schließt aus, dass er ohne Einbeziehung höchster Stellen geplant wurde.

Mord beim zweiten Besuch

Khashoggi war schon einige Tage zuvor im Konsulat erschienen (er brauchte seine Scheidungspapiere) und freundlich empfangen worden. Es folgte die Vorbereitung des Mords für seinen zweiten Besuch. Zum saudischen Team gehörte ein forensischer Pathologe. Er wird schon, bevor Khashoggi das Gebäude betritt, die Worte sagen: "Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich das auf dem Boden in Stücke schneiden muss. Auch wenn du ein Fleischhauer bist, hängst du ja das Tier auf, um das zu tun."

Kennedy schildert im BBC-Gespräch den Moment, in dem Khashoggi versteht, dass ihm etwas passieren wird. Er glaubt, er wird gekidnappt, fragt, ob er eine Spritze bekommt, und: "Wie ist das in einer Botschaft möglich?" Danach wird er erstickt. Auf dem Tonband ist der Moment auszumachen, als ihm der Kopf abgeschnitten wird.

Ermordungen von Dissidenten und Dissidentinnen durch ihre Regime gehören auch heute zur politischen Realität, Jamal Khashoggi ist nur einer von ihnen. Die grausame Überheblichkeit dieses Mordes, für den die Ausführenden – aber nicht die Auftraggeber – in Saudi-Arabien vor Gericht gestellt werden, sticht jedoch heraus. Für das Leben saudischer Regimekritiker und -kritikerinnen war es eine Stunde null. (Gudrun Harrer, 2.10.2019)