Karel Gott wurde 80 Jahre alt.

Foto: AP / Ondrej

Prag – Man musste kein Freund des Schlagers sein, um Karel Gott zu begegnen. Wer irgendwann in den letzten 40 Jahren ein Kind oder mit der Aufzucht eines solchen beschäftigt war, kennt zumindest ein Lied von ihm. Wenn die Biene Maja sich kopfüber im Blütenstaub versenkte oder mit ihren Bienenfüßchen melancholisch Kreise in die Teichoberfläche tupfte, sang Karel Gott dazu das Titellied. Zumindest für jene Maja, die noch bienenrund sein durfte. Für die aktuelle magersüchtige Version schmettert Helene Fischer die Signation.

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Karel Gott sang das Lied mit dem ihm typischen Zungenschlag. Einem Idiom, das auf seine Geburtsstadt Pilsen in Tschechien verwies. Dort wurde er am 14. Juli 1939 geboren. Als Teenager spielte er in der Nachkriegszeit in kleinen Veranstaltungslokalen und Tanzcafés, daneben träumte er von einer Karriere als Maler, beschied sich aber vorerst mit einer Elektrikerlehre.

Für Österreich beim Song Contest

Im Rahmen eines Wettbewerbs fiel der junge Sänger dem Bandleader Karel Krautgartner auf, der ihn ermutigte, am Prager Konservatorium Gesang zu studieren. Das war Ende der 1950er-Jahre, drei Jahre lang wurde er dort ausgebildet. Danach sang Gott zuerst Englisch, seine erste Veröffentlichung war 1963 eine Version von Henry Mancinis Moon River, sogar ein sechsmonatiges Gastspiel in Las Vegas absolvierte er Mitte der 1960er-Jahre.
1968 trat er fahnenflüchtig für Österreich beim Song Contest an und landete mit Udo Jürgens Komposition Tausend Fenster auf dem 13. Platz.

Julius Hermann

Trotz der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Warschauer-Pakt-Armeen kehrte Gott in seine Heimat zurück, war jedoch so privilegiert, seine Karriere im Ausland fortsetzen zu können. Sein kuscheliges Arrangement mit den kommunistischen Machthabern wurde dem Vater von vier Töchtern immer wieder vorgeworfen – vor allem seine Unterschrift unter die sogenannte Anticharta im Jahr 1977. Mit dem Propagandacoup der KP sollte ein Gegengewicht zur Charta 77 geschaffen werden, der Petition der gleichnamigen Bürgerrechtsbewegung rund um den Dissidenten und späteren Präsidenten Václav Havel. Gott zählte nicht nur zu den Signataren der Anticharta, er stand bei einer ihrer hochoffiziellen Präsentationen sogar als Redner auf der Theaterbühne.

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Dass ein Gutteil der politischen Vorwürfe gegen den Superstar erst nach der Wende des Jahres 1989 laut wurde, als man sich dazu nicht mehr mutig aus der Deckung wagen musste, sorgt bis heute für Debatten – und steht geradezu symbolisch für die giftigen Altlasten aus der Zeit der kommunistischen Diktatur. Flammende Anklagen gegen das Mitläufertum liegen dabei auf der einen Waagschale, Berichte vom enormen Druck seitens der Machthaber auf der anderen. Bei der Samtenen Revolution stand Gott dann an der Seite der Demonstranten: Die "Goldene Stimme aus Prag" sang auf dem Wenzelsplatz mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Liedermacher Karel Kryl die tschechoslowakische Hymne.

Sinatra des Ostens

Von 1969 bis 2005 lebte Gott in einer Villa in der Nähe von Prag, zuletzt in der tschechischen Hauptstadt. Ab den 1970ern wurde der "Sinatra des Ostens" gerufene Sänger mit Titeln wie Weißt du wohin, Schicksalsmelodie, Einmal um die ganze Welt, Babička, Nie mehr Bolero oder Das Mädchen aus Athen zu einem der großen Star des deutschen Schlagers, der in allen einschlägigen Radio- und TV-Formaten Stammgast war. Dort bezirzte er sein Publikum mit einem Gesang, der zwischen Schmalz und Schmelz zerrann, den Rest besorgte sein treuherziger Blick.

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120 Alben soll die "goldene Stimme Prags" aufgenommen haben, die Schätzungen seiner Verkäufe reichen von 30 bis zu eher irrlichternd anmutenden 100 Millionen verkauften Platten. Doch bloß weil ihm vieles vergoldet wurde, war nicht zwingend alles Gold. Manches war bloß Blech. Etwa eine 2008 mit dem Berliner Gangster-Rapper Bushido aufgenommene Version von Alphavilles Forever Young: Für immer jung.

Mitte September gab Gott bekannt, an Leukämie erkrankt zu sein. Nun ist er im Alter von 80 Jahren gestorben. (Karl Fluch, Gerald Schubert, 2.10.2019)