Parteichef Jaroslaw Kaczynski zeigt sich siegesgewiss.

Reuters / Agencija Gazeta / Jakub Orzechowsk

Jan Modliński muss nicht lange überlegen, wem er am 13. Oktober seine Stimme gibt. "Mit der PiS werden wir bald einen ähnlichen Lebensstandard haben wie die Deutschen", sagt der 64-Jährige. Aus seiner Sicht hat Polens nationalkonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) das Land in den vergangenen vier Jahren umgekrempelt – und zwar zum Positiven: "Die Leute finden Arbeit, auch in unserer Region werden endlich Straßen gebaut", sagt der Unternehmer aus dem nordpolnischen Bromberg. "Unter den Liberalen haben alle das Land verlassen, der Letzte löscht das Licht."

Häufig sinkt die Beliebtheit einer Partei im Laufe ihrer Regierungszeit. Bei der PiS ist das nicht so. Vor vier Jahren gewann sie die Wahl mit knapp 38 Prozent der Stimmen. Laut Umfragen winken ihr nun zwischen 40 und 48 Prozent. Die Oppositionskoalition, deren größte Partei die liberale Bürgerplattform (PO) ist, schneidet um bis zu 15 Prozentpunkte schlechter ab. Wenn Polen in einer Woche ein neues Parlament wählt, wird die PiS wieder stärkste Partei werden. Unterstützer der Opposition wählen, um die PiS zu verhindern. PiS-Wähler wählen, weil sie überzeugt sind: Mit ihrer Partei wird die Zukunft besser.

Die Liberalen in Europa fürchten, dass die PiS mit dem Umbau des Justizsystems die Rechtsstaatlichkeit untergräbt. "Auch ein Großteil der PiS-Wähler weiß, dass mit der Reform etwas nicht stimmt, aber sie akzeptieren den Preis", sagt Paweł Musiałek, Politologe der konservativen Denkfabrik Klub Jagielloński. Modliński nimmt die Justizreform, in der viele eine Gefahr für die Gewaltenteilung sehen, sogar in Schutz: "Hat jemand gesehen, welchen Rechtsstaat Polen vorher hatte?", fragt er. "Nach 1989 kamen Kommunisten an Richterposten, unsere Verfassung ist in einem postkommunistischen Zeitgeist entstanden." Modliński gefällt, dass die PiS das System ändern möchte.

Die Partei gewann aber auch an Glaubwürdigkeit, weil sie Wahlversprechen erfüllte. 2015 hatte sie erklärt, der Lebensstandard werde steigen. Die günstige Konjunktur, aber auch neue Sozialhilfen führten dazu, dass vielen am Ende des Monats nun tatsächlich mehr bleibt. Die PiS senkte nach dem Wahlsieg das Pensionsalter und führte ein Kindergeld ein. 500 Plus heißt das Programm: 500 Zloty, also etwa 115 Euro monatlich, ab dem zweiten Kind.

Junge Familien im Fokus

Im Sommer legte die PiS nach: Parteichef Jaroslaw Kaczyński kündigte fünf Sozialprogramme an – und setzte sie noch im Spätsommer um. Seither gibt es auch für das erste Kind 500 Zloty, unter 26-Jährige zahlen keine Einkommenssteuer. Bei den Wählern kommt das gut an – obwohl es auf lange Sicht Zweifel an der Finanzierbarkeit gibt.

"Es ist leichter geworden, nicht nur für uns, auch für andere Familien", sagt die 41-jährige Krankenschwester Agnieszka Michorczyk. "Als es 500 Plus nicht gab, reichte das Geld natürlich für Essen und Kleidung für die Kinder." Nun aber könne sie ihren Kindern auch Träume erfüllen: Die ältere Tochter hat ein eigenes Pferd, der Sohn bekommt neue Fußballschuhe, alle drei Kinder nehmen private Englischstunden und spielen Instrumente. Sie glaubt, die Regierung füttere nicht die Eliten, sondern sorge sich um die einfachen Leute.

Dadurch und durch die Nähe zur Kirche gewinnt die PiS vor allem auf dem katholischen Land Stimmen. In Michorczyks 2000-Einwohner-Ort Laskowa, eine Stunde südlich von Krakau, hängen einzig PiS-Plakate an den Zäunen. Zwischen 80 und 90 Prozent wählen hier die Regierungspartei. "Ich finde, dass Homosexuelle keine Kinder adoptieren sollten", sagt Michorczyk. "Ich bin auch gegen Abtreibung. Mit der PiS habe ich die Sicherheit, dass das Gesetz nicht gelockert wird."

"Kraft des Patriotismus"

Wie die meisten Wähler in Polen geht Jan Modliński aber einen Kompromiss ein. Von den Sozialprogrammen profitiert der Unternehmer nicht, als Arbeitgeber zahlt er sogar drauf. Aber das stört ihn weniger, die Aufbruchstimmung sei wichtiger: "Wir müssen uns nicht mehr dafür schämen, Polen zu sein", sagt er.

Seine Frau und er waren vorigen November auf dem Marsch, der die 100-jährige Unabhängigkeit Polens feierte. "Ich spürte die gewaltige Kraft des Patriotismus. Wenn Hunderttausende die Hymne singen, schießen einem Tränen in die Augen", sagt er. Er fürchtet zwar, dass Populismus und Polarisierung dem Land letztlich schaden werden. "Aber noch wähle ich das kleinere Übel." (Olivia Kortas aus Warschau, 4.10.2019)