Alek Minassian auf dem Bild eines Gerichtszeichners.

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Sie leben, so sagt es ihre Selbstbezeichnung, "unfreiwillig zölibatär" ("involuntary celibates"). Es handelt sich vorwiegend um Männer, die Probleme haben, beim anderen Geschlecht anzukommen. Einige suchen die Schuld dafür bei den Frauen, deren Ansprüche ihrer Meinung zu hoch sind, bei Emanzipation und Feminismus, die Schuld an diesem Wandel seien. Bei manchen von ihnen schlägt das Gefühl der Einsamkeit und Ausgegrenztheit schließlich in Gewalt um.

Elliot Rodger, Alek Minassian und andere verübten in den vergangenen Jahren Bluttaten. In Manifesten sehen sie sich oft als eine Art Freiheitskämpfer, die es Frauen und der "normalen" Welt zeigen wollen. In manchen Foren sind Gewaltfantasien an der Tagesordnung. Das wirft nun eine wichtige Frage auf: Solle man Incels als Terroristen einstufen? Vielleicht, meint die Journalistin Adi Robertson bei The Verge.

Vor kurzem gab die kanadische Justiz eine auf Video aufgezeichnete Befragung von Alek Minassian frei.
CBC News

Die Angst geht um

Infolge der vergangenen Vorfälle wurden Incel-Communities zunehmend von gängigen Plattformen verdrängt. Zuletzt erweiterte Reddit Ende September seine Richtlinien, die seitdem auch "systematisches oder dauerhaftes" Verhalten verbieten, das andere Menschen "um ihre Sicherheit im realen Leben" fürchten lässt. Danach gingen im Unterforum "Braincels", der größten dort verbliebenen Incel-Gemeinde die Lichter aus. Das Forum mit dem Namen "Incels" ist schon seit Jahren gesperrt. Seine Mitglieder sind teils auf berühmt-berüchtigte Plattformen wie 4chan oder 8chan abgewandert.

Die Angst vor weiteren Amokläufen geht aber weiter um. Bei der US Army brachte man Vermutungen auf, dass radikale Incels versuchen könnten, bei Vorführungen des Blockbusters Joker zuzuschlagen.

Aufstand der Ausgegrenzten

Minassian hatte im April 2018 in Toronto zehn Menschen mit einem Van getötet und 16 teils schwer verletzt. In seiner kürzlich öffentlich gewordenen Befragung gab er an, online von "Incel"-Ideologie radikalisiert worden zu sein. Er sah sich als Teil eines "Aufstands", um die Gesellschaft umzustürzen, damit Frauen auch mit Männern wie ihm ins Bett steigen müssten. Er gab aber auch an, dass er in der Vergangenheit mit zwei anderen Amokläufern Kontakt hatte, darunter Rodger.

Der Fall erinnert an Kanadas bisher opferreichsten Amoklauf an der Polytechnikhochschule von Montreal im Jahr 1989. Der Täter, Marc Lépine, hatte gezielt auf Frauen geschossen und in einem Abschiedsbrief den Kampf gegen den Feminismus ausgerufen.

Was dafür spricht

Minassians Aussagen werfen die Frage auf, ob es haltbar ist, bei Incel-Gewalttaten stets von Einzeltätern, statt einer Hassgruppe oder gar terroristischen Vereinigung auszugehen. Während einige Incel-Foren der Selbsthilfe dienen, Mitglieder sich Beistand geben und versuchen, sich Tipps zu geben, um bei Frauen anzukommen, sind andere ein Sumpf aus Gewaltfantasien, Hass auf Emanzipation und Gleichberechtigung und Ehrerbietung für Rodger und Konsorten.

Ausschließlich auf eine Beziehung als relevantes Lebensziel fokussiert erscheint ihnen Rache an der Gesellschaft in Form von Gewalt als die einzige Lösung. Minsassian und Rodger schwebte eine Welt vor, in der Frauen ihnen durch Angst ergeben sind. Sie als Terrororganisation zu kategorisieren könnte es Behörden deutlich erleichtern, in auffälligen Communities zu ermitteln. Dazu würde das Phänomen mit seinen extremen Ausprägungen in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden, statt stets nur als kurioses Vorkommnis mit Internetbezug belächelt zu werden. Denn Gewalt gegen Frauen ist ein alts und kein auf das Netz beschränktes Problem.

Was dagegen

Doch eine Einstufung in die Kategorie "Terror" birgt auch einige Gefahren. Einzelne Bewegungen heraus zu greifen kann dazu führen, dass andere, die etwa weniger extrem sind, unterschätzt werden. Minassian blieb außerdem Beweise dafür schuldig, mit anderen Tätern in Kontakt gestanden zu sein.

Incels scheinen weit vom Organisationsgrad entfernt zu sein, den etwas mehrere rechtsextreme Gruppierungen haben, die zuletzt auf der kanadischen Watchlist gelandet sind. Und nicht zuletzt hat der von den USA nach 9/11 ausgerufene "Krieg gegen den Terror" zu einem massiven Ausbau staatlicher Überwachungskapazitäten geführt.

Hervorhebung notwendig

Unter Abwägung all dieser Gesichtspunkte plädiert Robertson schließlich dafür, Incels jedenfalls als "spezielles Phänomen" hervorzuheben, sei es eine Terrororganisation oder "Hassgruppe". Dies könnte dabei helfen, den "Komplex der geschlechtsbezogenen Gewalt" besser zu erfassen und gleichzeitig auch helfen, militante Entwicklung besser zu beobachten. (red, 07.10.2019)