Vier Millionen Hektar Wald, knapp die Hälfte der Fläche von Österreich, sind laut Umweltschützern im bolivianischen Amazonas-Gebiet bereits abgebrannt.

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La Paz – Starke Regenfälle in den letzten Tagen haben im bolivianischen Amazonas-Gebiet eine erste Erleichterung von den seit zwei Monate andauernden Waldbränden gebracht. Diese haben bisher eine Fläche von vier Millionen Hektar zerstört – knapp die Hälfte der Fläche von Österreich. Der Regen half dem bolivianischen Militär, die Brände in der Region Chiquitania einzudämmen, berichtete der "Guardian" am Dienstag. Entwarnung könne man aber noch nicht geben, sagen Experten.

"Auf Satellitenbildern sind keine Brände mehr zu erkennen", sagte Cinthia Asin, eine Verantwortliche für Umweltfragen in der am stärksten betroffenen Region Santa Cruz. Boliviens Wetterdienst bestätigte gegenüber Reuters, dass am Montag keine Brände registriert wurden. Gleichzeitig warnte der Wetterdienst, dass starke Sonneneinstrahlung und hohe Temperaturen für die kommenden Tage erwartet würden, die die Gefahr neuerlicher Brände erhöhen. Williams Kaliman, Befehlshaber der bolivianischen Truppen, kündigte an, die 5.000 am Einsatz beteiligten Soldaten vorerst nicht abzuziehen.

Proteste gegen die Regierung

Kurz vor der bolivianischen Präsidentenwahl hatten vergangenen Freitag Hunderttausende gegen Amtsinhaber Evo Morales demonstriert. Neben vier Millionen Hektar Land sind in Bolivien laut Umweltschützern seit August auch mehr als zwei Millionen Wildtiere umgekommen. Die Demonstranten werfen Morales eine zu zögerliche Haltung bei der Bekämpfung von Waldbränden vor. Die Behörden nannten keine Zahlen zu den Teilnehmern, ein Lokalreporter ging von etwa 350.000 Demonstranten aus. Während des Zugs durch Boliviens größte Stadt Santa Cruz forderten sie, Morales bei der Wahl am 20. Oktober abzustrafen. In der Provinz Chiquitania demonstrierten auch indigene Bolivianer.

Umweltschützer in La Paz werfen Präsident Evo Morales eine zu zögerliche Haltung bei der Bekämpfung von Buschbränden vor.
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Morales weigert sich, wegen der Flächenbrände den Katastrophenzustand auszurufen und so den Weg für internationale Unterstützung bei der Brandbekämpfung zu ebnen. Der sozialistische Präsident argumentiert, dies würde die Möglichkeit ausländischer Einmischung in eine innere Angelegenheit eröffnen. Außerdem hatte die Regierung das Abbrennen von Wald- und Weideflächen für landwirtschaftliche Zwecke per Gesetz gefördert. Kürzlich gestattete sie Bauern, 20 statt der üblichen fünf Hektar Wald abzubrennen. Beobachter gehen davon aus, dass dies zu tausenden Waldbränden geführt hat. Die Regierung führt die anhaltenden Brände hingegen auf das trockene Wetter und starken Wind zurück und betont, dass bereits 20 Millionen Dollar in Löschmaßnahmen investiert wurden.

Auch in Brasilien gehen die Feuer zurück

Auch in Brasilien haben Regenwetter und ein Militäreinsatz dazu geführt, dass die Waldbrände im September zurückgegangen sind. Seit Anfang des Jahres wurden im größten Tropenwald der Welt über 140.000 Brände registriert, rund 53 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum ein Jahr zuvor.

Löscheinsatz in Brasilien.
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Umweltschützer werfen dem ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro vor, Landwirte, Holzfäller und Goldsucher mit seiner Rhetorik zur Brandstiftung zu ermutigen und die Zerstörung des Regenwalds stillschweigend zu tolerieren. Seit Bolsonaros Amtsantritt Anfang Jänner sind laut BBC fast ein Drittel weniger Strafen verhängt worden als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres. Brandstiftung und illegale Brandrodungen gelten als Hauptursache für die Brände.

Experten geben vorerst keine Entwarnung

Harald Vacik vom Institut für Waldbau der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) spricht im Zusammenhang mit den Amazonas-Bränden von einem "Teufelskreis". Da durch das Abbrennen des Waldes auch dessen Verdunstungseffekt schrumpft, könnten Niederschläge in Zukunft generell zurückgehen, sagte Vacik der APA. Verschlimmert werde die Lage durch die Klimakrise, die etwa zu längeren und früheren Trockenperioden führe und die Anzahl potenziell brandauslösender Blitzschläge erhöhe.

Demonstranten in Bolivien fordern, Präsident Evo Morales bei der Wahl in zwei Wochen für seine Umweltpolitik abzustrafen.
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Sind Großbrände erst einmal in Gang, kann der Mensch nur wenig zur Löschung beitragen, meint Vacik. "Lediglich ein paar Tage Regen könnten echte Milderung bringen." Dabei würden nämlich Wassermassen freigesetzt, die mit Löschmitteln nicht aufgebracht werden können.

Dass der Regenwald sich irgendwann wieder erholt und aussieht wie vor den Bränden, ist Vacik zufolge prinzipiell möglich, würde aber Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Allerdings sei eine Rückverwandlung meist nicht von erhöhtem Interesse. Schließlich seien durch Brandrodung erschlossene Böden extrem fruchtbar und damit bei Sojabauern und Viehzüchtern begehrt. (jop, APA, Reuters, 9.10.2019)