Das Drama, das sich im Nordwesten Syriens unter den Augen der Weltöffentlichkeit entfaltet, kann aus mehreren Perspektiven erzählt werden. Ein Hauptschauplatz liegt in Washington: Donald Trumps chaotische Nahostpolitik, die nicht nur die Betroffenen in der Region, sondern auch Washington in Konfusion gestürzt hat. Ob die US-Truppen, wie der Präsident vor drei Tagen verkündete, wirklich völlig aus Syrien abziehen werden oder sich doch nur umgruppieren, ist noch nicht ausdiskutiert. Trump will den Nato-Partner Türkei bei der Stange halten und einen lästigen Militäreinsatz beenden. Seine Strategen wollen den Fuß in der Tür behalten und die von den USA aufgebaute kurdische Anti-IS-Truppe nicht fallenlassen.

Aber auch die Absichten des eigentlichen Protagonisten des Dramas sind nicht so einfach zu entschlüsseln: Ja, der türkische Präsident Tayyip Erdoğan will in Nordostsyrien einmarschieren und tut es. Aber er dürfte in diesem Stadium vielleicht sogar selbst noch nicht wissen, wie viel von seiner angekündigten Operation realisierbar und was am Ende nur Bluff gewesen sein wird. Damit, dass ihm Trump die "Sicherheitszone" so schnell einfach vor die Füße schmeißt, hat er wohl selbst nicht gerechnet.

Türkisches und US-amerikanisches Militär an der syrisch-türkischen Grenze.
Foto: AP Photo/Baderkhan Ahmad

Eine tragische Hauptrolle spielen natürlich die syrischen Kurden der PYD/YPG, deren Rojava-Projekt einer demokratischen kurdisch geführten Selbstverwaltung international mit viel Sympathie verfolgt wurde. Sie drohen endgültig an einem US-Präsidenten zu scheitern – was ein wachrüttelndes Signal für andere US-Verbündete in der Region sein wird.

Komplizierte Gemengelage

Und diese Kurden bewegen sich in der komplizierten Gemengelage eines Landes, in dem sich ein Aufstand über Jahre hinweg zu diversen Kriegen auf mehreren Ebenen und mit externen Beteiligungen entwickelt hat: Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass sie sich nun mit Damaskus, mit Bashar al-Assad, zusammentun, dem die türkische Kontrolle von Teilen Syriens natürlich auch ein Dorn im Auge ist. Vielleicht überzeugt aber auch Russland, der mächtigste Spieler in Syrien, das Regime davon, dass das türkische Abenteuer in Nordostsyrien auch Vorteile haben könnte: Die Türkei könnte sich konzilianter zeigen, was Idlib – wo Ankara ebenfalls Rebellengruppen dirigiert – betrifft.

Ein weiterer Erzählstrang wäre der "Islamische Staat": Er ist zwar als Territorium verschwunden, existiert jedoch als Terrororganisation weiter. Und er hat in der Region außer Zerstörung auch noch eine weitere Hinterlassenschaft: Gefangenenlager, in denen IS-Kämpfer und IS-Angehörige aus aller Herren Länder interniert sind.

Den Regierungen, die eigentlich für sie zuständig wären, war dieser Zustand ganz recht. Nun werden jedoch die kurdischen Behörden, unter deren Kontrolle sie stehen, vom türkischen Einmarsch pulverisiert werden. Werden die Türkei beziehungsweise ihre syrischen Stellvertretertruppen die Sicherheitsaufgaben der Kurden ohne gefährliche Unterbrechung eins zu eins übernehmen? Um daran zu glauben, braucht man sehr viel Optimismus. (Gudrun Harrer, 9.10.2019)