Die Allianz zwischen dem Iran (Hassan Rohani), der Türkei (Tayyip Erdoğan) und Russland (Wladimir Putin) ist brüchig.

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Moskau verfolgt die Militäroffensive Ankaras in Nordsyrien mit Sorge. Das Vorgehen der Türken demonstriert einmal mehr, wie brüchig die Allianz ist, die Russland 2016 mit der Türkei und dem Iran geschmiedet hat, um selbst ungestört militärisch in Syrien agieren zu können. Alle drei Mächte verfolgen dort eigene Interessen. Moskaus Ziel in Syrien ist der Machterhalt von Bashar al-Assad, der nicht nur als traditioneller Verbündeter Russlands gilt, sondern dem Kreml nach den massiven Bombardements seiner Gegner – nicht nur der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) – durch die russische Luftwaffe auch zu Dank verpflichtet ist.

Tayyip Erdoğan erklärte zwar, der Vormarsch seiner Armee auf syrisches Gebiet diene nicht nur dem eigenen Schutz, sondern auch der Sicherung der territorialen Einheit Syriens, und sei zeitlich beschränkt. Doch was derzeit auf dem schon von Ankara besetzten syrischen Gebiet passiert, spricht nicht gerade für eine befristete Besetzung: Die Türken haben dort ihre eigene Währung in Umlauf gebracht und Medienberichten zufolge eigene Bildungseinrichtungen eröffnet.

Damit beschneidet Erdoğan potenziell auch die Macht Assads, der im Norden des Landes natürlich selbst regieren will. Die Kurden dort haben zwar mit amerikanischer Hilfe relativ hohe Selbstständigkeit gegenüber Assad erreicht, gelten aber prinzipiell als relativ loyal ihm gegenüber.

Gute Miene zum bösen Spiel

Allerdings bleibt dem Kreml derzeit kaum etwas anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. So erklärte Außenminister Sergej Lawrow zwar, es sei am besten, den Konflikt in Verhandlungen zwischen Ankara und Damaskus zu lösen, während die syrische Regierung ihrerseits auf die Kurden einwirken solle. Am besten sei es, die Grenzkontrolle dem syrischen Militär zu überlassen, das dann alle Probleme lösen werde, so die russische Position. Gleichzeitig aber versucht Moskau offene Kritik an Ankara zu vermeiden.

Stattdessen hat Lawrow die USA zum Schuldigen erklärt. Die Amerikaner hätten in der Region "quasistaatliche Strukturen aufgebaut und das Kurdenthema sehr aktiv forciert, womit sie den Widerstand der arabischen Stämme provoziert haben, die traditionell in der Region wohnen", was er ein "gefährliches Spiel" nannte. Bei Gesprächen mit Vertretern des irakischen Kurdistan ließ Lawrow es sich nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass die USA die Kurden nun im Stich gelassen hätten.

Moskau will vermitteln

Russland, das selbst von der Kooperation mit den Kurden bei der Bekämpfung des IS profitiert hat, ist bereit zu vermitteln. Theoretisch könnte Moskau davon profitieren, wenn es in Verhandlungen unter seiner Führung zu einer friedlichen Einigung kommt. Doch kann und will sich der Kreml dabei nicht als Schutzmacht der Kurden profilieren, meint der Moskauer Politologe Fjodor Lukjanow. "Die Beziehungen zur Türkei sind derzeit um ein Vielfaches wichtiger", meint er. Moskau müsse stattdessen die Kurden dazu drängen, sich Damaskus anzunähern, um sich unter dessen Schutz zu stellen.

Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin geht es darum, Erdoğan mit solchen Verhandlungen nicht zu verärgern, um die Astana-Friedenskonferenz zur Einigung Syriens nicht zu gefährden. Diese Einigung soll die Macht Assads auf Jahre absichern – und damit natürlich auch den Einfluss (und die Militärstützpunkte) Moskaus in der Mittelmeerregion. (André Ballin aus Moskau, 10.10.2019)