"Und mein Haus hat viele Nischen": Autor Lukas Gmeiner.
Foto: Zita Bereuter

Ich wohne in einem Haus.
Und dieses Haus gehört mir.
Mir ganz alleine.

Mein Haus hat eine große Tür und vier große Fenster.
Zwei Fenster gehen vorne raus zu dir.
Zwei Fenster sind an den Seiten.
Hinten in meinem Haus sind keine Fenster.
Was ich ganz hinten im letzten Zimmer verberge?
Das verrate ich nicht.
Das ist privat.

Durch die Fenster und Türen kommt alles herein.
Ich kann alle Menschen hören und sehen.
Ich kann alles riechen und spüren und schmecken.
Aber ich bleibe allein in meinem Haus.

Das klingt wie ein Rätsel, findest du?
Ich helfe dir damit.
Denn mein Haus sitzt auf meinen Schultern.
Meine Fenster sind die Augen und Ohren.
Die Tür ist mein Mund.

Ich mag mein Haus.
Denn mein Haus ist schön und warm.

Und mein Haus hat viele Nischen.
Diese Nischen sind wichtig.
Denn ich kann mich in den Nischen verstecken.
Stundenlang.
Und die Leute können durch die Fenster gucken.
Aber die Leute können mich nicht sehen.
Und ich muss die Leute nicht sehen.
Manchmal muss das so sein.
Denn ich kenne viele gemeine Leute.

Montag
8 Uhr

Viele Leute mögen Montage nicht.
Aber ich finde Montage gut.
Ich sehe am Montag nämlich meine Freunde wieder.

Mein Bus• fahrer schiebt mich in die Mensa von meiner Schule.
Der Bus• fahrer hat es wie immer eilig.
Der Bus• fahrer stellt mich neben Herr K.
Ich strecke meine Hand Herr K. entgegen.
Aber Herr K. sieht meine Hand nicht.
Herr K. sieht mich nicht.
Herr K. redet mit dem Hausmeister.
Herr K. sagt: Moinsen Harry, schon ghört, die B. kommt wieder zurück, war wohl alles nix, hats umbracht, nicht nur irgendjemand umgebracht verstehst? Hat der F. gsagt und der weißes angeblich vom Onkel von der B., die spielen, also nur am Donnerstag immer Fußball am Sportplatz, bei jedem Sauwetter, na ja, mal schauen. Umbracht und das hier. Machst dir kein Bild. Kaputt sands die Leit. Keine Moral, kein Respekt mehr vorm Lebn. Schlimm is des. Andrerseits, schon gut dass die B. zurückkommt. Dann bin ich diese Klasse endlich los. Echt oag sag ich dir. Außerdem, personalmäßig auf jeden Fall ein Segen, schon ghört, jetzt ist wieder eine schwanger.

Plötzlich bewege ich mich.
Jemand schiebt meinen Rollstuhl.
Ich drehe mich um und sehe Momo.
Momo ist mein allerbester Freund.
Momo grinst.
Und ich grinse auch.
Der Haus• meister schaut mich kurz an.
Dann schaut der Haus• meister weg.
Jetzt schaut auch Herr K. in unsere Richtung.
Herr K. ruft:
Hey!
Hierbleiben!
Wo wollt ihr hin?

Momo dreht sich nicht um.
Momo läuft einfach weiter.
Ich mag Momo.
Momo ruft:
Zur Klasse!

Ich sehe in das Gesicht von Herr K.
Sein Gesicht sieht böse aus.
Aber irgend• wie sieht sein Gesicht immer böse aus.
Denke ich.

Und dann spüre ich meine Hand.
Meine Hand ist immer noch ausgestreckt.
Aber plötzlich wird sie ganz müde und schwach.
Ich kann meine Hand nicht mehr hochhalten.
Ich lege meine Hand auf die Armlehne von meinem Roll• stuhl.
Mein Kopf wird ganz warm.
Ich muss kurz die Vorhänge zumachen.
Mein Kopf ist ganz schwer.

Montag
13 Uhr 45

Meine Augen sind noch zu.
Aber ich spüre unter mir die Liege.
Ich spüre das Plastik auf meiner Haut.
Meine Augen sind noch zu.
Aber ich erkenne den Raum.
Ich mache die Vorhänge auf.

Ich liege im Pflege• bad und mein Schul• assistent beugt sich über mich.
Mein Schul• assistent heißt Mika.
Mika nimmt ein feuchtes Tuch.
Mika wischt mit dem feuchten Tuch über meinen Penis.

Mika lächelt und redet viel.
Mein Schul• assistent Mika redet immer viel.
Manchmal erzählt Mika witzige Sachen.
Überhaupt macht Mika viele Witze.
Nicht
nur über mich.
Aber auch.
Aber auch über andere.
Und oft kommt er nicht zur Schule.
Dann sagt Frau R.:
Mika ist nicht gerade der verlässliche Typ.

Montag
13 Uhr 50

Ich kann den Marmor• kuchen kaum in meiner Hand halten.
Der Marmor• kuchen bröselt mir durch die Finger.
Mika klopft mit seiner Hand gegen meinen Nacken.
Mika sagt:
Was machst du mit deinem Kuchen?
Willst den Kuchen essen oder umbringen?

Und Mika redet weiter.
Aber ich denke lieber nach:
Umbringen.
Hat Mika gesagt.
Umgebracht.
Hat Herr K. gesagt.

Umgebracht.
Denke ich.
Damit hat heute alles angefangen:
Die Frau B. hat jemanden umgebracht.
Das hat Herr K. dem Haus• meister erzählt.

Es gibt einen Mord• fall zu lösen.
Wen hat meine Lehrerin Frau B. umgebracht?
Und warum kommt Frau B. dann zurück in die Schule?
Warum kommt sie nicht ins Gefängnis?
Frau B. ist doch die liebste Lehrerin hier an der Schule.

Ich sitze in meinem Haus.
Draußen ist es sehr laut.
Ich schließe die Fenster.
Und ich öffne das Notiz• heft in meiner Hand.
Mit meinem Mund kaue ich am Bleistift.
Schweiß läuft über meine Stirn.
Von draußen höre ich jemanden rufen.
Aber die Stimme kommt nur ganz leise durchs Fenster.
Die Stimme flüstert:
Ole, dein Bus• fahrer ist da.

(12.10.2019)