Die Abgehängten proben den Aufstand: In "Parasite" von Bong Joon-ho infiltriert eine mittellose Familie eine reiche – mit drastischen Folgen.

Foto: Filmladen

Bong Joon-ho (50), Regisseur, wurde vor allem durch den Monsterfilm "The Host" populär, den in seiner Heimat zehn Millionen Menschen sahen.

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Mit Bong Joon-ho wurde dieses Jahr erstmals ein Südkoreaner mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. Unbekannter ist der Genrespezialist schon länger keiner mehr: Mit seinem fintenreichen Genrekino, Filmen wie The Host, Snowpiercer oder Okja, hat er ein Millionenpublikum erreicht. In Parasite lässt er nun eine mittellose mit einer superreichen Familie zusammenprallen – im selben Haus. Im Gespräch erweist sich Bong als ähnlich aufgeweckt wie seine Filme.

STANDARD: In "Parasite" erzählen Sie eine grausame Geschichte als Unterhaltungskino. Was gab den Anreiz, Klassenkampf als monströse Komödie zu entwerfen?

Bong: Ich wurde von einer wahren Geschichte aus Korea inspiriert, ursprünglich hatte ich ein Theaterstück im Sinn. Im Zentrum stehen zwei Familien mit konträren Lebensbedingungen, an unterschiedlichen Enden der sozialen Skala. Dies bildet den Rahmen für die Geschichte, die meine Generation geprägt hat, denn Südkorea hat sich rasant entwickelt. Doch das ist kein regionales Phänomen, die Kluft zwischen Arm und Reich wird überall größer.

STANDARD: Man könnte sagen: Die soziale Umverteilung funktioniert nicht mehr, also holen sich die Armen, was ihnen zusteht ...

Bong: Wenn die arme Familie sich in das Haus der Reichen einschleicht, hat das auch etwas von einem Cartoon. Ich wollte, dass die Übernahme der einzelnen Abteilungen etwas Surreales bekommt. Es musste gar nicht plausibel sein. Niemand muss glauben, dass so etwas tatsächlich passieren kann. Es genügt, wenn die Schauspieler mit großem Ernst vorgehen. Für mich ist der Film so etwas wie ein trauriges Märchen, es reicht nicht ganz zur Tragödie – aber ich finde, solche Parabeln zeigen am besten, wie die Welt eigentlich ist.

NEON

STANDARD: Der Sohn sagt ja auch selbst einmal: "Das ist so metaphorisch" – der Film weiß also mehr über sich, als ihm zusteht?

Bong: Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass der Zuschauer selbst in die Situation gerät, den Film als "symbolisch" zu definieren. Das Lustige an dem Satz ist ja, dass man nicht genau sagen kann, wie er entsteht. Er kommt dem Zuschauer zuvor, der noch darüber rätselt, womit er es zu tun hat. Das verstört noch mehr.

STANDARD: Wie kamen Sie auf die großartige Idee, dass der Geruch eine Rolle spielt?

Bong: Normalerweise gibt es wenige Situationen, in denen wir uns so nah kommen, dass wir einander riechen können. Vor allem, wenn es um Arm und Reich geht. Der Film erschafft nun eine solche Situation, in der sich Arm und Reich nicht mehr aus dem Weg gehen können. Und der Geruch legt die Lebenssituation, in der sich jemand befindet, offen – deshalb war er für mich so wichtig. In meinen Filmen geht es oft um die Kluft zwischen den Klassen, aber dahinter steckt die noch wichtigere Frage, wie man Anstand behält. Wenn es an Respekt fehlt, dann kommt es zur Katastrophe. Nun, da der Film in Korea und Frankreich gestartet ist, wurde mir erzählt, dass die Besucher im Kino an sich selbst zu riechen begonnen haben ...

STANDARD:Die Nähe, von der Sie sprechen, hat viel mit der Villa zu tun, in der der Großteil des Films spielt. Hat diese die visuellen Auflösungen des Films mitbestimmt?

Bong: Ich überlege mir sehr genau, welche Reichweiten die Figuren haben. Wie sie sich bewegen, wo sie sich kreuzen. Ich musste von Anfang an klare Strukturen haben, sonst funktioniert der Spannungsaufbau nicht. Ich hatte einen Architekten im Kopf, der für Leute baut, die mit Technik- und IT-Berufen reich wurden.

Auch das Haus ist in "Parasite" von Bong Joon-ho ein Protagonist.
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STANDARD: Man sagt, Sie hätten auch das Fritzl-Haus genauer studiert?

Bong: Ja, ich war von der Form des Bunkers inspiriert. Aber darüber soll man nicht zu viel verraten! Es ist auf jeden Fall wahr, dass das Haus der eigentliche Hauptdarsteller ist, ähnlich wie in Shining. Ich möchte mich aber nicht mit Kubrick vergleichen, ich bin nicht mehr als Dreck an seinem Schuh!

STANDARD: Dabei hat jemand in Cannes gesagt, die Filme von Bong Joon-ho seien ein eigenes Genre. Was bedeutet Genre für Sie?

Bong: Genrefilme habe ich schon als kleines Kind gesehen. Sie durchströmen meinen Körper wie Blut. Die schwierigeren Filme kamen erst hinzu, als ich Film zu studieren begann. Rückgriffe aufs Genrekino sind mir deshalb gar nicht so bewusst. Es geschieht sehr natürlich. Das Problem bei der Gattung ist jedoch, dass sie in den 30er- und 40er-Jahren von Hollywood definiert wurde. Ich komme jedoch aus einem kleinen Land. Südkorea liegt genau auf der anderen Seite von Hollywood. Deswegen ist es für mich auch schwierig, die Regeln richtig anzuwenden. Mein komischer Stil, das Polymorphe daran, kommt aus dem Zusammenstoß der Kulturen.

STANDARD: Mit Ihrem Cannes-Sieg gehören Sie nun in den Olymp des Kinos. Als Regisseur mit Netflix-Erfahrung: Wo sehen Sie das Kino in zehn Jahren?

Bong: Das Kino bietet die besten Bedingungen, um einen Film zu sehen. Ich bin überzeugt, dass es immer weiterläuft, nicht nur in zehn Jahren, sondern ewig. Als Regisseur hab ich bei Okja nur gute Erfahrung mit Netflix gemacht. Sie haben mir totale Kon trolle gewährt, auch den Director’s Cut. Ich würde mir jedoch wünschen, dass Netflix mit den Kino-Releases großzügiger, lockerer umgeht. Erst einmal zwei Monate im Kino laufen lassen, dann in den Streaming-Bereich – das ginge doch auch! (Interview: Dominik Kamalzadeh, 12. 10. 2019)